Archiv für die Kategorie ‘Minifeuilleton‘

Netzkommentar: Ein Todesstern namens Yahoo

Publiziert am 09.09.2011 von netzreporter

Der Netzkommentar kommt in dieser Woche von Mario Sixtus, dem Macher des Elektrischen Reporters. Er beschäftigt sich mit dem prognostizierten Niedergang von Flickr, den der amerikanische Fotograf Thomas Hawk unlängt prophezeit hatte (er hat übrigens selbst über 60.000 Bilder auf Flickr). Hier gibt’s das Crossposting von DRadio Wissen. Unten das Skript. Audio kommt direkt nach der Erstausstrahlung.

Wie der Netzkonzern Yahoo Internetdienste wie Flickr systematisch ruiniert

Das Internet lebt von Ideen, die junge Start-Ups in der digitalen Welt etablieren. In vielen Fällen werden diese Ideen dann von den großen Netzkonzernen aufgekauft, um weiter professionalisiert und im Glücksfalls profitabel gemacht zu werden. Aber es gibt auch die Gegenstartegie. Den systematischen Ruin vielversprechender Dienste. Der seit Jahren wankende Onlineriese Yahoo ist das beste Beispiel. Dienste wie Delicious oder Flickr stehen dank Yahoo mittlerweile vor dem Abgrund. Wie eine Art Todesstern irrlichtert der vermeintliche Netzgigant Yahoo durch das Internet und hinterlässt eine Spur der Ideen- und Kapitalvernichtung. Das jedenfalls meint Mario Sixtus, unter anderem Macher des Elektrischen Reporters, in seinem Netzkommentar. Aber es gibt auch Hoffnung.

 

Skript:

Im Internet ist eine Art Todesstern unterwegs. Er saugt einen coolen
Web-Service nach dem anderen in sich auf und verwandelt sie alle in
etwas Uncooles und Langweiliges. Die Rede ist von Yahoo.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, hätten es irgendwann
das ganze Web in etwas transformiert, das ungefähr so aufregend ist
wie das Katasteramt von Reutlingen, so erfrischend wie ein fußwarmer
Kamilletee.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, das Internet würde nach
Resopalmöbeln riechen, nach beigefarbenen Kunststoffoberhemden und
nach abgestandener Milch. Yahoo ist die Web-gewordene Provinz, das Bad
Segeberg unter den Internet-Konzernen, eine Art König Midas der Ödnis,
der alles was er berührt in pure Langeweile verwandelt.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, das Internet würde
irgendwann niemanden mehr interessieren, und wahrscheinlich würde es
tagelang gar nicht auffallen, wenn man es abschaltete.

Nehmen wir nur mal den Foto-Dienst Flickr. Flickr war einmal der Ort,
an dem Menschen zusammen kamen um sich ihre Fotos zu zeigen. Der
Netz-Journalist Doc Searls bescheinigte Flickr im Januar 2005, die
Welt der Fotografie stärker verändert zu haben, als Kodak mit der
Erfindung des Rollfilms. Flickr vibrierte damals vor Lebendigkeit, es
herrschte eine Goldgräberstimmung, bei der es nicht um Gold oder Geld
ging sondern um schöne Bilder. Doch das Unheil lies nicht lange auf
sich warten: Im März 2005 kaufte Yahoo das damals quietschlebendige
Start-Up und machte sich borgdrohnenartig daran, es zu assimilieren.
Flickr wurde zu einem Teil der Yahoo-Tristesse und versank in tiefen
Schlummer.

Sechs Jahre später haben Smartphones und mobile Fotodienste im Web die
Welt der Fotografie einmal mehr revolutioniert. Plattformen wie
Instagram oder Twitpic haben diese Welle früh genug kommen sehen und
surfen sie jetzt genüsslich. Selbst das erst halbfertige Google plus
bietet hübsche, zeitgemäße Fotogalerien, während Flickr im Großen und
Ganzen immer noch so aussieht, als sei Gerhard Schröder noch Kanzler,
der Internet-Explorer 6 der neueste Browser und HTML5 noch weit weg in
der Zukunft.

Manchmal, wenn ich aus Nostalgie auf Flickr unterwegs bin, ertappe ich
mich dabei, auf digitale Tumbleweeds zu warten, die zwischen den Fotos
hindurchwehen.

Ähnlich wie Flickr ging es dem Bookmark-Dienst Deliicious und etlichen
anderen einstmals vielversprechenden Start-Ups: Sie alle wurden von
Yahoo assimiliert, domestiziert, kastriert und zu einem Stück
Eintönigkeit transformiert.

Doch es gibt Hoffnung: Dem Todesstern Yahoo geht es nämlich gar nicht
gut. Börsenkurs, Umsätze und Reichweite geben seit Jahren hilflos der
Schwerkraft nach. Erst vorgestern feuerte der Yahoo-Aufsichtsrat die
Chefin Carol Bartz, was wohl auch nicht mehr viel nützen wird.

Gut möglich, dass Yahoo bald ganz aus dem Web verschwindet. Und genau
so gut ist möglich, dass wir das tagelang gar nicht merken werden.

Kategorien: Minifeuilleton, NETZ.KOMMENTAR, Social Media

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Unsere Sommerreise durch’s Netz

Publiziert am 17.08.2011 von netzreporter

Wie jedes Jahr, waren die NETZ.REPORTER auch 2011 in den Sommerwochen wieder weltweit unterwegs – via Netz.

Ein Totempfahl mit an Vögel erinnernden Gesichtern. (Quelle: http://www.f7lickr.com/photos/lauryshark/3691641017)

Von Moskau ging’s mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Vladiwostock. Das russische Google-Maps-Angebot liefert dazu eine eigene Applikation inklusive Video und Bordmusik.

Auch die Eingeweide Afrikas spielten eine Rolle. Die erschütternden Fotografien von Pieter Hugo nehmen den User mit in das Herz der Finsternis.

Totempfähle und Mondlabore besuchten wir im ehemaligen Jugoslawien. Zahlreiche futuristische Bauten der Tito-Ära erinnern dort tatsächlich eher an veraltete Science Fiction Filme und nicht an den üblichen sozialistischen Protz.

Eine Blogwanderung fördert viel unfassbarem Schrott zutage, aber auch einige Edelblogs ließen sich entdecken.

In Zimmer mit Aussicht folgte eine Reise ans heimische Küchenfenster und an die Küchenfenster dieser Welt.

Mit der Webcam ins Krisengebiet brachte uns zum Tahrir-Platz in Kairo und zeigte, wie bedroht der arabische Frühling ist.

Einen Trip ins heimische Schwimmbad unternahm das Stück Das geheime Leben der Schwimmer. Wollte Sie nicht auch schon immer wissen, wer sich alles hinter den Männern und Frauen in Badehosen und Schwimmanzügen verbirgt?

In Die Welt ein Feldweg zeigte uns das großartige Netztool Mapcrunch, dass Omnipräsenz möglich ist. Auch wenn der Zufall dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Zwei atemberaubende Fotoseiten nahmen uns mit in die Trümmer von Detroit.

Mit dem Browser ans Ende der Welt war schließlich unser Besuch in Arktis und Antarktis.

 

Foto: lauryshark/ Flickr/ CC by-nc-sa 2.0

Kategorien: Exotisches, Minifeuilleton

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Stück der Woche: Gerettete Pfannenwender. Über brennende Häuser und letzte Dinge.

Publiziert am 05.07.2011 von netzreporter

In der zurückliegenden Woche ging es bei den NETZ.REPORTERN um die getwitterten Sprachbilder der Bloggerin Julia Probst, um die Versuche Microsofts Suchmaschine Bing zu einer sozialen Suchmaschine aufzurüsten, um die Schulterpolster des Schreckens, die private Amateurmodels auf eBay tragen, die eine kurze Geschichte über die Anfänge des Hackens und um letzte Dinge. Und diese letzten Dinge sind auch das Stück der Woche. Gerettete Pfannenwender heißt es, befasst sich mit der Seite TheBurningHouse.com und stammt von Tobias Lenartz. Menschen aus der ganzen Welt erzählen hier, welche drei Dimge sie aus ihrem brennden Haus retten würden.

Das Crosspost erschien zuerst auf DRadioWissen.de.

Welche Dinge würden Sie schnell noch einpacken, wenn Ihr Haus brennt? Die Seite TheBurningHouse.com hilft weiter.

Das Gedankenspiel ist alt. Aber trotzdem zu jeder Zeit reizvoll, weil es Auskunft gibt über Vorlieben und Fetische der jeweiligen Gegenwart. Die Anordnung des Gedankenexperiments ist dabei denkbar einfach. Stellen Sie sich vor, Ihr Haus brennt. Welche Dinge würde sie retten, wenn Sie nur noch sehr wenig Zeit haben? Zu den Standards gehören natürlich die geliebte Katze oder der treue Hundefreund. Aber welche Gegenstände sollte man vor den Flammen in Sicherheit bringen? Auf der Netzseite TheBurningHouse.com verraten Netznutzer aus der ganzen Welt, was ihnen am Herzen liegt. Da geht es um Opas Armbanduhr oder den Pokal aus der Collegezeit. Andere aber denken tatsächlich an ihre Rechner und iPads.

Weitere Links und Informationen des NETZ.REPORTERS bei Facebook und Twitter.

Kategorien: Exotisches, Minifeuilleton

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Besser spät als nie. Die Wheelmap – das Stück der Woche (der letzten…)

Publiziert am 21.06.2011 von netzreporter

Symbol eines Rollstuhlfahrers darunter steht: Accessible Entry
(Wisconsin Evangelical Lutheran Synod | Flickr | CC BY-NC 2.0)

Die Wheelmap – Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte. Der selbst an der Glasknochenkrankheit leidende Raoul Krauthausen arbeitet mit seinem Projekt Sozialhelden e.V. an einer Straßenkarte für Rollstuhlfahrer. Crosspost von Dradio Wissen.

Das Wort von der mobilen Gesellschaft macht gerne die Runde. Allerdings machen Rollstuhlfahrer in Deutschland tagtäglich fundamental andere Erfahrungen. Sie stoßen überall auf Barrieren. Die Wheelmap will dafür sorgen, dass sich Rollstuhlfahrer informieren können, welche Orte barrierefrei sind. Jeder kann in der interaktiven Karte eintragen, ob Banken, Restaurants, U-Bahnhöfe oder Theater gut zugänglich sind. Mit einer App kann man auch schnell unterwegs erkennen, ob der gesuchte Ort rollstuhlgerecht ist. Die Sozialhelden haben für das Projekt bereits den Deutschen Bürgerpreises gewonnen und stoßen auf großes öffentliches Interesse. Und verfügen natürlich längst über einen eigenen YouTube-Kanal.

Kategorien: Kurzrezension, Minifeuilleton, Portrait

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Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem

Publiziert am 20.04.2011 von netzreporter

Deutschland ist ein Entwicklungsland. Das jedenfalls behauptete der Philosoph, Matehmatiker und IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck. Hier das Video seines Vortrags. Highlight auf der zurückliegenden re:publica. Eine gute Dreiviertelstunde. Unten unsere Zusammenfassung von Jochen Thermann. Zwei Dreiviertelminuten.

Die zentrale Netzkonferenz in Deutschland, hatte sich in diesem Jahr wenig durch theoretische Überlegungen zur Netzkultur oder durch futuristische Manifeste hervorgetan. Leider. Eine Ausnahme bildete allein jener Vortrag von Gunter Dueck, der zumindest eine klare Vorstellung davon vermittelt hat, was hierzulande netztechnisch möglich wäre, aber strukturell auf der Strecke bleibt. Für ihn ist das Internet das Betriebssystem der Gesellschaft.

(mh)

Kategorien: Kurzrezension, Minifeuilleton, Technik

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einsdreißig – Das schnelle Konferenzformat

Publiziert am 12.04.2011 von netzreporter

Wichtige Sachen kann man in 90 Sekunden auf den Punkt bringen. Deswegen einsdreißig – das Konferenzformat der NETZ.REPORTER

 

Eigentlich äußern sich die NETZ.REPORTER in einer maximalen Länge von 1’40. Angelehnt an die Twitterzeichenzahl (wenn wir ehrlich sind, müssen wir einräumen, dass es längst zwei Minuten sind, aber das erzählt sich natürlich viel schlechter). Die Stücke werden von Autoren geschrieben, in einem Hörspielstudio produziert. Das ganze mit einem gewissen Aufwand. Unser Videoformat einsdreißig tickt anders. Das Motto: quick and dirty. Drei Fragen 1’30. Zeit ist knapp. Im Netz sowieso. Und Geschwindigkeit gibt Punkte!

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Stück der Woche: Digitale Sprachbilder

Publiziert am 11.04.2011 von netzreporter

Illustrationen im Netz machen aus Vorträgen visuelle Erlebniswelten

Am Anfang war das Wort. Aber kurz danach muss auch schon das Bild aufgetaucht sein. Jedenfalls konkurrieren Wort und Bild seit Menschengedenken um die Aufmerksamkeit. Stehen beide im Gegensatz zueinander? Oder bilden sie eine komplementäre Einheit? Mit Aufkommen des Romans jedenfalls geriet das Wort unter Verdacht, der Roman führe zu Isolation und Entkoppelung von der Realität. Als dann das Fernsehen auftauchte, wurde vor der Bilderflut gewarnt. Im Netz kann man kaum von einer führende Disziplin sprechen. Es gibt Texte, Fotos, Videos, Musik. Mittlerweile gibt es aber auch eine neue Gattung. Das illustrierte Wort. Es handelt sich um Vorträge, die in Echtzeit zu zeichenhaften Sprachbildern verwandelt werden. So wird sogar aus einem komplexen Vortrag Zizeks oder einer zähen Perfomance des Netzkritikers Morozov ein Vergnügen.

Kategorien: Allgemein, Minifeuilleton, Technik

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Publiziert am 05.04.2011 von admin

Es geht los. Hier bloggt ab sofort das NETZ.REPORTER-Team. Neben den Stücken der Woche und den Netzkommentaren, wird es hier zukünftig auch Liveberichterstattung von Konferenz und Camps geben.

Den Anfang macht ordnungsgemäß die re:publica XI. Aber gleichzeitig werden wir auch von der Konferenz Digital Memory on the Net berichten.

Kategorien: Allgemein, Exotisches, Glosse, Kurzrezension, Mikroessay, Minifeuilleton, NETZ.KOMMENTAR, Netzpolitik, Online Talk / NR-XL, Portrait, Social Media, Technik

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Ideologie der Offenheit

Publiziert am 09.12.2010 von netzreporter

Macht die Verhaftung Wikileaks-Gründer Assange zum Märtyrer?

Unser NETZ.REPORTER der Woche von Tobias Lenartz.

Das Drehbuch könnte für einen anspruchsvollen Thriller geschrieben sein. Hightech, Geheimnisse, Regierungen unter Druck, internationale Verwicklungen, ein gebrochener Held und jede Menge Suspense.

Die Wikileaks-Story wird mehr und mehr zum Entertainment–Material für die nachrichtengierige Weltöffentlichkeit. In ihrem Mittelpunkt jedoch stehen kaum noch die Offenbarungen, die via Wikileaks an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. Viel mehr scheint es in wachsendem Maße um den Gründer der berühmtesten Whistleblower-Plattform, Julian Assange, zu gehen.

Sollte diese Strategie der Versuch eines Ablenkungsmanövers gewesen sein, dann ist sie voll und ganz aufgegangen. Dennoch bleibt eine Frage: Wer ist eigentlich dieser Julian Assange und welchen politischen oder ideologischen Konzepten folgt er?

Crosspost von dradiowissen.de

Kategorien: Minifeuilleton, Netzpolitik

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Eine neue Netzkrankheit namens Haul

Publiziert am 16.11.2010 von netzreporter

Das grassierende Netzfieber Haul ist offenbar ansteckend.

Unser NETZ.REPORTER der Woche von Tobias Lenartz.

Shopping als Freizeitbeschäftigung gehört wie die sogenannte Freizeit selbst zu den neueren Formen gesellschaftlicher Deformation. Sie steht für die organisierte Zeit jenseits der beruflichen Tätigkeit.

Vielleicht mal was Vernünftiges …

Dabei gäbe vieles zu tun. Ein Engagement im örtlichen Altenheim oder Kindergarten. Eine ehrenamtliches Mitwirken an der Aufforstung einer neuen Schonung im Stadtwald oder der Essenverteilung für Bedürftige. Auch könnte man schlicht ein paar gute Bücher oder Blogs lesen. Aber was machen wir? Wir gehen entweder in Fitnessstudios oder wir gehen shoppen.

… aber ob Haul dieses Vernünftige ist?

Und was machen die anderen? Sie gehen schon lange nicht mehr in Fitnessstudios aber dafür um so mehr shoppen und zeigen ihre Einkäufe im Netz. Haul heißt das neue Netzfieber und es hat Hunderttausende erfasst.

Crosspost von dradiowissen.de

Kategorien: Allgemein, Kurzrezension, Minifeuilleton, Social Media

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