Neil Harbisson setzte auf Technik, auch um seine Farbenblindheitheit auszugleichen.

Nach einer gewagten Einschätzung der Anthropologin Amber Case sind wir alle Cyborgs. Schließlich leben wir bereits symbiotisch mit körpernahen Laptops und Smartphones, deren Verlust bei uns für Phantomschmerzen sorgt – wie nach der Amputation eines Körperteils.

Mehr rausholen aus dem eigenen Körper

Einen Schritt weiter geht der Brite Neil Harbisson. Er lässt sich echte Implantate setzen, um seine Sinne zu pimpen.  Über seinem Kopf thront ein auffällig implantierter Sensor. Dieser scannt die Farben seines Umfeldes, ein Computerchip wandelt sie in Töne und gibt sie direkt an Harbissons Schädeldecke weiter. So gleicht der Brite seine Farbenblindheit aus und weist uns den Weg in die Zukunft. Als Cyborgs werden wir alle unsere Körper mit technischen Hilfsmitteln bald zu höheren Leistungen stimulieren.

Neil Harbisson ist ein Cyborg-Künstler. (TEC Conference | Flickr | CC BY-NC 2.0)

(Getriebegeräusche) Autsch. Schon wieder hat ein Betrunkener an Neil Harbissons Farbsensor gezerrt. Verführerisch baumelt der Plastikklumpen über seinem Kopf. Harbisson hat ihn sich an den Kopf nageln lassen. Jetzt schläft und duscht er damit.

Cyborg sein ist gar nicht so leicht. Ein Computerchip in der hinteren Schädeldecke übersetzt die gelieferten Farbsignale in Töne. Und überträgt sie auf Harbissons Knochen. (Töne in verschiedenen Höhen) In einer permanenten Ton-Kakophonie.

Der Ton G steht für gelb. F für Rot.

Harbisson ist farbenblind. Er sieht nur schwarz-weiß. Die implantierte Technik soll das  kompensieren. Stolz trägt der Brite nun den selbstgewählten Titel Cyborg. Menschmaschine. (“Unsere Studien belegen: Man kann Menschen nicht vertrauen. Die Lösung: Roboter.”) Wie Darth Vader. Erstmals wird der exotische Status staatlich anerkannt: Der schräge Farbsensor ist – nach langem Kampf mit den Behörden – auf dem Lichtbild seines  Passes zu sehen. Schließlich ist das kleine Gerät für Harbisson Teil seines Körpers. Ein echtes Organ.  Und es verleiht ihm transhumane Eigenschaften: Er „hört“ auch ultraviolette Strahlung.

(Maschinengeräusche) Dabei weilen die Cyborgs längst unter uns. Zehn Prozent aller Amerikaner zählen zu dieser hybriden Lebensform. Schätzungsweise. Sie ist gepimpt mit elektronischen Bauteilen wie Herzschrittmachern, komplexen Prothesen, Hörimplantaten.

Bisher Kranken vorbehalten, erreichen wir bald alle so höhere Daseinsformen: Mit implantierter Elektronik gleichen wir Fehler unserer schwachen humanoiden Körper aus. Supermenschen – dank Biohacking. Robocop lässt grüßen. Knochen aus Stahl brechen nicht mehr bei einem läppischen Fahrradunfall. Mit einem verbesserten Gehör belauschen wir Kollegen beim Tratsch. Und ein eingebauter Autopilot bringt uns immer sicher nach Hause. Auch nach dem ärgsten Trinkgelage.