Kirchtürme waren gestern. Die Gegenwart heißt Kreisverkehr.

Einstmals bauten sich Städte und Dörfer eine schöne hohe Kirche. Als weithin sichtbares Wahrzeichen ihrer selbstverständlich florierenden Gemeinde. In unserer säkularen Gegenwart hat der Kirchenbau an Attraktivität verloren. Das Bedürfnis nach lokaler Selbstdarstellung musste sich alternative Orte erschließen: den Kreisverkehr. Durch mehr oder weniger kunstvolle Gebilde auf der Mittelinsel wird hier dem Darstellungsdrang Genüge getan.

Gesammelt werden die eindrucksvolleren Exemplare auf Seiten wie Kunst im Kreisverkehr. Auch die Community von Antville – Ursuppe der deutschen Blogossphäre – dokumentiert den Siegeszug des Kreisverkehrs. Doch gerade im kreiselfreudigen Baden Württemberg ist der zeitgemäße Ausdruck von Bürgerstolz akut in Gefahr.

In den 80er brauchte jede Kleinststadt eine Ampelanlage. Als blinkender Beweis ihrer Urbanität. Doch mit den 90ern wurde alles anders. Wie Metastasen verbreiteten sie sich im ganzen Land. Mittlerweile hat jedes Kaff seinen eigenen Kreisverkehr.

Eine tolle Sache. Schließlich reduziert der Kreiselverkehrsplatz, kurz KVP, nicht nur das Unfallrisiko. Seine schöne runde Mittelinsel bietet auch tolle Gestaltungsmöglichkeiten.

Eindrucksvollste Exemplare werden auf Seiten wie Kreiselkunst.com gesammelt. Aber auch die Blogcommunity von Antville.org dokumentiert den Siegeszug des Kreisverkehrs.

Da sieht man Stahlgestänge in Recklinghausen, oder gigantische Blumenkörbe im schönen Schopfheim. Im Schweizer Laufenburg werden Autofahrer von auf Stahlrohren gespießten Metallsmilies begrüßt.

In der Schweiz hat die Kunst im Kreisverkehr eben Tradition. Das demonstieren etwa die futuristische Weltkugel in Aarau. In Frick hat es sich ein Brontosaurus auf der Mittelinsel gemütlich gemacht.

Auch hierzulande bietet die Kreiselkunst – kurz KVK – Dörfern und Kreisstädten eine großartige Möglichkeit zur Selbstdarstellung lokaler Besonderheiten.

Früher baute man einen Kirchtürme, heute einen Kreisverkehr. Für Autofahrer die auf Umgehungsstraßen vorbeibrettern ist der schließlich oft das einzig was er zu sehen bekommt. Von den Käffern am Wegesrand.

Doch die Kreiselkunst ist in Gefahr. Gerade im Kreiselkunstfreudigen Baden-Würtemberg soll als Durchsetzung eines EU-Beschlusses verkehrsgefährendende Kreiselkunst abgebaut werden.

Besorgte Wutbürger sehen sich in ihrer lokalpatriotischen Identität bedroht und organisieren den Widerstand. Etwa auf der Faceookgruppe „Rettet die Kunst im Kreisel Kadelburg“. Stuttgart 21 war gestern. Der Kampf um den Kreisel geht weiter.