Warum Google der größte Dichter der Gegenwart ist.

Wer wen oder was liebt: Google weiß es in schöne Zeilen zu verpacken.

Google hat Ärger mit dem Bundesgerichtshof. Dessen Urteilsspruch zufolge muss der Suchmaschinengigant Wortkombinationen aus seiner automatischen Vervollständigung entfernen, wenn sie Verleumdungen enthalten. Ein Unternehmer hatte so durchgesetzt, dass er nicht automatisch mit Scientology verbunden wird. Prophylaktisch filtern muss Google zwar nicht, aber reagieren, sobald es Kenntnis von der Verletzung von Persönlichkeitsrechten erlangt. Damit dürfte auch die Kausa Bettina Wulff vs Google in die nächste Runde gehen. Eine empfindliche Schlappe für den Suchgiganten.

Aber möglicherweise erfolgte das Urteil unter der falschen Prämisse. Wie findige Netzbewohner herausgefunden haben, handelt es sich bei Googles Autovervollständigung nämlich mitnichten um eine Suchhilfe. Sondern um einen tiefsinnigen Poesiegenerator.

 SKRIPT 

Große Dichter der Vergangenheit machten sich unter Pseudonymen einen Namen. Das gilt auch für den meistgelesenen wie mißverstandendsten Dichter der Gegenwart. Der nennt sich weder Novalis noch Loris: sein Name ist Google.

Lyrikbanausen halten dessen Autovervollständigungsfunktion für eine Suchhilfe. Der Bundesgerichtshof sieht in ihm einen Verleumdungsverteiler. Wahre Kenner wissen: Sie ist ein furioser Poesiegenerator.

Füttert man den mit wenigen Worten, entwickeln dessen Inspirationsalghorithmen hintersinnige Aphorismen und doppelbödige Sentenzen. Gibt man etwa „Es ist“ in die Eingabemaske entsteht ein lakonischer Vierzeiler:

Es ist

Es ist was es ist

Es ist noch Suppe da

Es ist alles eitel

Es ist soweit

Schon hier wird deutlich: Googlegedichte arbeiten oft mit Anaphern. Also Wiederholungen am Versanfang. Und der Kontrastierung von Gegensätzen: Auf den tautologischen ersten Vers – in der Tradition Erich Frieds – folgt im Symbol der Suppe ein Versprechen nahrhafter Fülle, das im Vanitas Motiv des Folgeverseses sofort wieder annulliert wird.

Gesammelt werden die Gedichte auf Blogs wie googlepoetics.com oder im Memarchiv Reddit. Bald dürften sie auch Schullektüre werden. Schließlich kreisen sie um Gott, Identität, transzendentale Obdachlosigkeit – und speisen sich immer aus menschlichen Grundfragen.