Was wird eigentlich aus der guten alten Handschrift, wenn überall nur noch getippt und gewischt wird? Wenn sogar Grundschulkinder nur noch Druckbuchstaben lernen? Kein Zweifel: die Handschrift ist tot. Es lebe die Handschrift! Ein Font-Designer setzt jetzt die Schriften von Albert Einstein und Sigmund Freud in Computerschriften um – wir tippen, und es sieht aus wie Freuds Tagebuch. Spielerei? Oder ein weiterer Schritt zum perfekten Avatar? Was bedeutet das, wenn wir uns mit fremden Federkielen schmücken? Was geht da ab im Unbewussten? Sigmund, hilf! Von Christoph Spittler.

Freud: Versteht Hund und Mensch. (flickr – CC BY-NC 2.0 – Página Web Psicologìa)

Das „Kulturgut Schreibschrift“ geht verloren. Unken jedenfalls Untergang-des-Abendlands-Pessimisten – und: ist da nicht was dran? Grundschüler lernen neuerdings nur noch Druckschrift, und im Alltag schreiben wir kaum noch mit der Hand. Es wird getippt, auf Touchscreen-Tastaturen mit den Fingern rumgerutscht, und auch Smart Pens und Handschrifterkennung setzen sich nicht so richtig durch.

Aber Achtung: wie die Vokuhila-Frisur, die MusiCassette und der Röhrenfernseher wird  auch die Schreibschrift eine Retro-Rennaissance erleben. Digitally remastered, versteht sich, und mit Celebrity-Faktor enhanced. Der Font-Designer Harald Geisler arbeitet an Computerschriften, die die Klaue berühmter Persönlichkeiten simulieren. Den Albert-Einstein-Font gibt es schon, und jetzt ist Sigmund Freud dran. Das ist nicht so einfach wie es klingt – schwierig vor allem, die Unregelmäßigkeit der Handschrift realistisch hinzukriegen. Das Projekt wird vom Wiener Freud-Museum unterstützt und über kickstarter finanziert. Schreiben wie Freud kostet gerade mal 10 Dollar, und ab 150 Dollar Unterstützersumme gibt’s zum Computerfont ganz wienerisch ne echte Sachertorte dazu.

Bloß: wo führt das hin? Gibt es bald jede Promi-Handschrift als Computerschriftart? Angela Merkel? Uli Hoeness? Joseph Ackermann? Und werden wir damit digital Verträge unterschreiben können? Oder Schecks? Halt! Meldet sich da nicht das Über-Ich? Und was würde der olle Sigmund sagen? Übertragung? Analer Charakter? Vatermordtendenzen?