Safari durch den Blätterwald

Markus Böhm bloggt sich als Kioskforscher durch Nischen und Untiefen des deutschen Blätterwalds. Von Tobias Lennartz.

Der Kiosk, das Forschungsobjekt. (flickr – Andy Atzert – CC BY-NC-SA 2.0)

Mit #aufschrei ist das erste Mal ein Twitter-Hashtag auf der Liste für den Grimme Online Award. Der Debattenmotor zum alltäglichen Sexismus war der Kommission aus guten Gründen eine Nominierung wert.

Forscher im Blätterwald

Die 28 nominierten Onlineangebote reichen von Lokaljournalismus,Fußballdoping über Hintergrundinformationen zum rechten Rand bis zu echten Blogperlen. Der Journalist Marcus Böhm gräbt sich als Kioskforscher durch die die Untiefen des deutschen Magazin(un)wesens.

Bunte Exotik – oder Erotik?

Unerschrocken, urteilssicher und unterhaltsam fördert er aus den dunklen Regalen des Bahnhofskioks bunte Blätter für die exotischsten Interessenlagen zutage.

Safari und den Blätterwald. Das Skript.

Vor Jahren für tot erklärt, weigern sich die Papiermedien hartnäckig abzutreten. Wenn die Zeitungen schon nicht aussterben wollen, kann man zumindest drüber bloggen, was noch so los ist auf dem Printmedienmarkt: Zeitjournalist Markus Böhm macht in seiner Freizeit den Kioskforscher. Unerschrocken ackert er sich durch Männermagazine und Klatschpostillen und zieht echte Entdeckungen aus den Regalen.

Etwa das WP-Magazin „Europas größte Zeitschrift für Vogelhalter“ lockt mit Headlines wie: „Wellensittiche: Glücklich trotz Sehbehinderung.“ Die „Tatzeit“ verspricht Tote, Vermisste und saftige Sensationen – und bietet Behördentexte des BKA.

Wo die Generation Smartphone ihr Informationsbedürfnis digital befriedigt, halten ältere Semester lieber Holz in der Hand und setzen auf journalistische Aufarbeitung ihrer breitgefächterten Interessengebiete: Freunde fotogener Swimmingpools greifen zur „Haus & Wellness“, hochprozentige Hobbys behandelt die Barkeeperzeitung „Mixology“, passionierte Ballermänner lesen „Jagen weltweit“, Öko-Gärtner die „Kraut & Rüben“. Freunde der Reitgerte abbonieren das S&M Magazin „Schlagzeilen“.

Die Nischen und Winkel des Longtails wuchsen eben schon vor dem Internet. Bestes Beispiel: der Kirchheimer Spiele-Kurier. Seit 1987 verbindet die Postspielezeitung Freunde des Mehrspieler-Papierspiels. In 40 Disziplinen duellieren sich die Spieler in Superzeitlupe. Pro Zug bleiben 10 Tage Zeit. Ein tapferes Fanal gegen Onlinepflicht und Echtzeitzwang.

Aber auch die altmodisch treue Postspielgemeinde verschließt sich nicht gänzlich der Gegenwart. Der nächste Scrabble-Zug wird nicht mehr per Postkarte geschickt. Sondern kostengünstig per E-Mail.