Digitale Selbstzensur ist ein neu entdecktes Phänomen: 71 Prozent aller Facebooknutzer leiden darunter. Hin und wieder schreiben sie Kommentare oder Posts, die sie nie veröffentlichen. Weil sie Angst vor Missverständnissen, Konfrontation und der Preisgabe intimer Details haben. Oder weil sie einfach nicht als furchtbare Langweiler gelten wollen. Bedroht diese Schere im Kopf die Meinungsvielfalt im Netz? Von Matthias Finger.

So sieht es aus – und darum zensieren manche Menschen ihre eigenen Facebookposts. (Frank Patzig | Flickr | cc-by)

Gestern. Wieder. Mal. Rotzbesoffen.

Ne lieber nicht.

Bist. Du. Schwanger. Auf. Dem. Neuen. Bild?

Nö. Vielleicht hat die nur zugenommen.  – Julia K. aus Bad Honnef ist eine normale Nutzerin sozialer Netzwerke. Das heißt:  Sie löscht regelmäßig Posts und Kommentare. In letzter Minute. Kurz vorm betätigen der Entertaste. Damit leidet auch sie unter einer neu entdeckten, grassierenden Seuche: Last-Minute-Selbstzensur im Internet. Drei Viertel aller Facebooknutzer haben diese Schere im Kopf.

Zu der phänomenalen Erkenntnis kam ein Doktorand der Carnegie-Mellon-Uni in Pittsburgh. In Zusammenarbeit mit Facebook hat er nie publizierte Kommentare gezählt. Offensichtlich loggt das soziale Netzwerk auch Schreibversuche, die später nie geteilt werden.

Facebook ist das Schaufenster unserer Persönlichkeit: Männer zensieren ihre Äußerungen hier öfter. Weil ihnen Status wichtig ist. Vermuten Psychologen. Und weil sie – innerhalb der eigenen Geschlechtskohorte  – zu ausgeprägtem Konkurrenzverhalten neigen. Wie damals. In der Steinzeithöhle. Frauen hingegen blubbern einfach los und löschen seltener.

Selbstzensur als Plage der Neuzeit? Der negativ konnotierte Begriff hat wenig mit schizophrenen  Verhältnissen zu tun – wie in der ehemaligen DDR. Wo jeder politische Witze nach Bautzen führen konnte. In den Stasi-Knast.

Die auf Facebook entdeckte Form der Selbstzensur fußt auf analogem Vorbild: Auch im echten Leben plaudern wir nicht fortwährend aus, was wir denken. Digitale Selbstzensur ist nur die bequeme Adaption einer uralten Kulturtechnik des Menschen. Sie heißt: überlegen. Bevor man spricht – oder ähm – während man schreibt.