Artes Webdoku 10 Jahre, 100 Blicke gewährt vielfältige Einsichten in den Irak der Gegenwart.

In Sachen Internet ist Arte ein Sonderfall in der deutschen Senderlandschaft. Wo andere öffentlich rechtliche Fernsehsender bloß fleißig ihre Mediatheken bestücken, immerhin den Lifestream im großen Stil für sich entdeckt haben und ein bisschen mit Social-TV herumspielen, setzt Arte seit Jahren Maßstäbe. Zahllose Webdokuprojekte wie Istanbul, by you oder Prison Valley demonstrieren eindrucksvoll, dass Arte das Internet nicht nur als Zusatzkanal und Archiv behandelt, sondern als eigenständiges Medium ernst nimmt und auslotet. So bietet seine aktuelle Webreportage 10 Jahre 100 Blicke vielperspektivische Einblicke in den Irak der Gegenwart. Von Tobias Lenartz.

Die Titelthemen von heute sind bekanntlich die Randnotizen von Morgen. Während des letzten Irakkriegs liefen die Meldungen im Minutentakt durch den medialen Durchlauferhitzer. Mittlerweile schaffen es nur noch besonders verheerenden Selbstmordattentate in die Schlagzeilen.

Arte bietet nun ein Gegenmittel gegen unsere kollektive Aufmerksamkeits-Störung. Seine aktuelle Webdoku „10 Jahre, 100 Blicke“ nähert sich der Gegenwart des Irak. In Mosaikform statt didaktischer Draufsicht: Aus Schlaglichtern und Momentaufnahmen kann man sich selbst ein provisorisches Bild erarbeiten. Organisiertes Chaos als medialer Spiegeleines zerissenen Landes .

Es geht um Fußball und Öl und das Verhältnis zu Amerika. In „Irak, meine Heimat“ zeigen Nachwuchsfilmer das Land aus ihrer Perspektive. Ergänzt durch Archivaufnahmen und Einschätzungen von Journalisten von Guardian, Le Monde und der Süddeutschen.

Gezeigt wird die erste Frauenmannschaft im Gewichtheben. Und die prekäre Situation der Soldatenwitwen. Porträts von Kriegsflüchtlingen neben Gesprächen an der Tankstelle. Wir sehen Sprengstoffkontrollen am Checkpoint Falludschah, menschunwürdige Flüchtlingslager und vorsichtige Ansätze von Normalität: In den Autoscootern eines Freizeitparks wird endlich wieder gejohlt.

Manche Beiträge sind erhellender als andere. Aber die Webdoku beweist mal wieder: Arte will und kann Internet. Interaktivität bleibt kein Schlagwort sondern wird Erzählprinzip.

Täglich wurde die Webdoku um einen Mosaikstein ergänzt. Vom 20. März bis zum 1. Mai. Der Tag an dem ein gewisser George W. Bush sein Kriegsende verkündete. Damals. Vor 10 Jahren.