Die Glitch Art feiert den technischen Fehler als Kunst – und enthüllt die surrealen Seiten der Smartphone-Fotographie.

Wenn Computerspielfiguren an unsichtbaren Mauern hängen bleiben, Digitalfotographien unbeabsichtigt aussehen wie Werke von Jackson Pollock, oder Interviewaufzeichnungen mit dem Vorstand des örtlichen Kaninchenzüchterverein klingen, als würden sie satanische Botschaften enthalten, nennt man das Glitch. Diese Aussetzer der Technik sorgen bei uns Bürgern des digitalen Zeitalters gewöhnlich für Unmut. Glitch-Artists feiern den Fehler als Kunst. Sie sammeln oder produzieren Glitches und erkunden ihr ästhetisches Potential. Schließlich sei der Fehler die unvermeidliche wie unverzichtbare Ausnahmeerscheinung in unserer auf Perfektion programmierten Welt. Einen bildstarken Beweis dieser These bietet das Blog Kilopanorama. Es sammelt verunglückte Panoramafotos mit dem IPhone und konfrontiert mit Alltagsansichten von höchster Surrealität.

Wir mögen unsere Technik am liebsten perfekt. Aber gerade ihr lästiges Versagen führt manchmal zu verblüffenden Ergebnissen mit ästhetischem Mehrwert.

Das Blog Kilopanorama sammelt sehenswerte Fotounfälle von Panoramaufnahmen mit dem Iphone. Beileibe keine lustigen Pannenbildchen. Sondern eine Art Fotogalerie aus den Fieberträumen der Kunstgeschichte. Schnappschüsse urbaner Alltagsszenen werden hier zu verrückten Welten.

Da schrumpfen Passanten zu Strichmännchengestalten. Flanierende Pärchen verschmelzen zu einem Körper. Der romantische Traum von der völligen Symbiose wird Wirklichkeit. Dank fehlerhafter Technik.

Vereinzelte Autotüren gleiten geisterhaft über die Straßen. Zebrastreifen biegen sich wie morsche Balken. Stretchlimousinen reichen von einer Kreuzung zur anderen. An einer Ampel ein alter Mann mit Plastiktüte. Verfolgt von fünf Klonen. Ein Kind auf einem Bmx-Rad wird zur riesigen Raupe im roten Kapuzenpulli. Dalmatiner werden Tausenfüßler.

Unübersehbar: André Breton und seine Surrealistenkumpels haben das Iphone gehackt. Unterstützt von Picasso und der Kubistengang. Und schicke Panoramafotos zu polyperspektivischen und polymorphperversen Szenerien verfremdet.

Dass dem Glitch, also der technischen Bild- oder Tonstörung artifizielles Potential innewohnt, glauben auch andere. Die Glitch-Art feiert den Fehler als Kunst. Als vielsagende Sollbruchstelle unserer auf Perfektion programmierten Gegenwart. Eine sichtbar subersive Sache. Wer hätte schließlich vermutet, dass unter den glatten Oberflächen der durchdesignte Applewelt surreale Abgründe lauern.