Neuronales Lesevergnügen

Telekinese galt seriösen Wissenschaftlern jahrhundertelang als spiritistischer Blödsinn. Mittlerweile hat sich das Bewegen von Gegenständen via Gedankenkraft als attraktives Forschungsfeld etabliert. Über Gehirn-Computer-Schnittstellen können Modellhubschrauber oder Videospiele gesteuert werden. Wirken einige Projekte wie spektakuläre Spielereien, verfolgen die meisten höchst humane Ziele. So wird etwa daran gearbeitet Querschnittgelähmten und Schlaganfallpatienten die Steuerung von Roboterarmen, Rollstühlen oder das Verfassen von Emails durch Gedankenkraft zu ermöglichen.

Nun sollen Hirn-Computer-Schnittstellen auch die nächste Revolution des Lesens anschieben. Mit Büchern, die sich während des Lesens, den Gehirnaktivitäten des Lesers anpassen. Neurofiction nennt sich das Projekt, das der finnische Science-Fiction Autors Hannu Rajaniemi und der britische Datenwissenschaftler Samuel Halliday auf dem Edinburgh-Science Festival präsentierten.



Bücher gelten ja als Einwegverfahren. Autor schreibt Buch. Leser liest Buch und macht sich seinen eigenen Reim auf den fix und fertig gedruckten Senf. Das könnte demnächst alles anders werden.

Mit Büchern, die sich während des Lesens unseren Vorlieben anpassen. Die sogenannte Neuro-Fiction funktioniert mithilfe eines EEG-Geräts, das unsere Hirnströme während des Lesens misst. Ein lernfähiger Alghoritmus ermittelt, bei welchen Motiven und Themen die eigenen Neuronen am freudigsten feuern. Und baut so einen individualisierten Weg durch die Geschichte.

Entwickelt wurde diese nächste Revolution des Lesens vom Autor Hannu Rajaniemi und dem Datenwissenschaftler Samuel Halliday. Und zwar nicht nur für Nerds mit besonders großem Geldbeutel: Wo ein übliches EEG zigtausend Euro kostet und aussieht wie eine Badekappe aus der Hölle, bekommt man die verwendeten EEG-Headsets für den Preis eines Tablets und in spaßig spacigem Design.

So sollen Leser von Rezipienten zu unterbewussten Koautoren ihrer individuellen Geschichte werden. Die Grenzen zwischen Lesern und Büchern werden zukünftig ebenso verschwimmen wie die Grenzen zwischen Gehirnen und Computern. Davon sind die Neuro-Fictionäre überzeugt.

Toll, der Trend zur Anpassung von Massenprodukten an persönliche (Kunden-)Vorlieben, erfasst nach Möbeln und Turnschuhen zukünftig auch die Literatur. Lesen als Konfrontation mit fremd-vertrauten Weltsichten ist dann wohl endgültig passe. Wenn unsere Schmöker von Morgen ausschließlich erzählen, was wir hören wollen, wird auch die Literatur endlich zur neuronengefütterten Filterblase.