Neben #Tatort, #Winter und #Montag gibt es noch viele andere Dinge, die uns ordentlich auf die Nerven gehen. Zum Beispiel Harald Martenstein. Wir wünschen uns ein spannendes Hobby für den Mann, der zu allem etwas zu sagen hat. Squash zum Beispiel. Oder Kirscheis essen. Oder ein Shitstorm, der so anstrengend ist, dass er keine Zeit mehr hat, sich neue Meinungen auszudenken.

Früher, als es noch Printmedien gab, da hatten einige auserwählte KolumnistInnen das Recht, in einem dieser Printmedien ihre Meinung zu verbreiten. Wenn Leserinnen und Leser sich über diese Meinung aufgeregt haben, schrieben sie einen Leserbrief. Den mussten sie aufschreiben, eintüten, frankieren und abschicken. Dann musste er noch abgedruckt werden.

Das war einmal. Heute findet Meinungsmache – auch im Kolumnenformat – vor allem im Internet statt und genau da regen Leserinnen und Leser sich dann auch gleich darüber auf. Und können ihre Meinungen kundtun. Sofort. Ohne Post und ohne Briefmarke – in Form eines Kommentars oder Blogposts. Plötzlich machen alle mit und das ist – meistens – gut so.

Trotzdem gibt es noch immer das ein- oder andere Printmedium, das erstens überlebt hat und zweitens immer noch Kolumnen unterhält – Meinungsmonopole auf Papier. Meistens eine Seite lang. Egal, zu welchem Thema. Eines dieser Printmedien nennt sich Die Zeit und einer dieser Meinungsmenschen heißt Harald Martenstein. Und weil Die Zeit so seriös und schlau und etabliert ist, kennen ihn alle, diesen Harald Martenstein.

Man nennt ihn auch Kolumnen-König Deutschlands. Und um sich diesen Namen zu bewahren, muss er ordentlich Kolumnen schreiben – in sämtlichen Formaten. Hauptsache da ist Meinung drin: Er unterhält eine Print-Kolumne, eine Radio-Kolumne und kurzzeitig gab es auch eine Video-Kolumne. Inhalt: egal.

Wenn er genügend Kolumnen gesammelt hat, veröffentlicht er diese Kolumnen in Kolumnen-Sammelbänden und gibt denen Titel, die diese Menschen, die Die Zeit lesen, dann ansehen und toll finden. In ihren großen, belesenenen Gehirnen hinter ihren runden Brillen taucht dann dieser Martenstein auf, grinst und zwinkert sie ganz verschmitzt durch seine eigene runde Brille an. Sie nicken ihm zu, sind im reinen mit der Welt. Das sind die Normalen – Zeit-Publikum und Harald Martenstein.

Die Normalen sind im Allgemeinen sehr gebildet, belesen, haben einen feinen Geschmack, verstehen Rotwein genau so gut wie guten Kaffee. Manche Dinge bleiben ihnen aber ein Rätsel. Bushido zum Beispiel. Oder Frei.Wild. Das Kottbusser Tor in Berlin. Oder wo der Unterschied zwischen ‘Massentierhaltung’ und ‘Sex mit Tieren’ liegt. Die Aufregung über Heinz Buschkowsky gehört auch dazu.

Martenstein hat zu allem immer eine Meinung. Und die anderen Normalen mit den runden Brillen haben die dann auch. Dazu muss man schließlich nichts verstanden haben.

Besonders häufig stehen Gender-Themen auf Martensteins „Das-hab-ich-jetzt-aber-nicht-so-ganz-verstanden”-Agenda. Geschlechtergerechte Sprache zum Beispiel. Oder Toilettenpolitik. Vor Kurzem gab es zum Beispiel einen Vorschlag der Piratenpartei, in Friedrichshain-Kreuzberg Unisex-Toiletten einzurichten – für Menschen, die sich weder der Kategorie ‘Mann’ noch ‘Frau’ zuordnen können oder wollen.

Die Pflicht zur ständigen Kategorisierung des eigenen Geschlechts, das vielleicht unbestimmt ist oder einfach jenseits der heteronormativen Festlegung liegt, würde so – zumindest beim alltäglichen Toilettengang in der Öffentlichkeit – schon mal wegfallen. Dazu ist lediglich eine Umschilderung einiger Toiletten von ‘männlich’ oder ‘weiblich’ in ‘unisex’ nötig.

So weit, so logisch, so unkompliziert. Martenstein aber versteht das nicht.

Behauptet er zumindest. Denn wenn er die Thematik gerafft hätte, gäbe es ja keinen Anlass mehr, eine Kolumne zu verfassen. Worüber soll ich schreiben, wenn ich mich nicht aufregen kann? Sich dumm stellen um sich öffentlich über etwas auszulassen – das scheint die Devise.

Stefan Niggemeier hat das in einem ironisch angehauchten Mitleids-Blogpost thematisiert und gleich 276 Kommentare geerntet. Und auch zur aktuellen Martenstein-Frei.Wild-Kolumne gab es heute einen Beitrag in der taz. „Harald Martensteins Texte haben die argumentative Tiefe eines Frühstücksbrettchens“ heißt es da.  Zum Glück bietet das Netz uns einen Ort, an dem wir am Thron eines eingeschlafenen Kolumnenkönigs sägen können. Lasset den Shitstorm beginnen!