All-you-can-eat war 90er. Die digitale Gegenwart gehört Pay-what-you-want. Tobias Lenartz über soziale Kontrolle als Geschäftsmodell.

Und jeder zahle, was er mag (401(K)2013/flickr.com/CC BY-SA 2.0)

Radiohead haben es vorgemacht. 2007 stellten sie ihr Album In Rainbows zum freien Download ins Netz. Die Fans konnten selbst entscheiden, was es ihnen wert ist. Als alternatives Geschäftsmodell und unabhängige Vertriebsstrategie hat sich Pay-what-you-want in der Indieszene mittlerweile etabliert.

Soziale Kontrolle bringt Geld

Das Humble Bundle bietet seit 2010 in regelmäßigen Abständen ein Paket aus Indie-Spielen, Musik oder Ebooks nach dem Zahl-was-du-willst-Prinzip. MitErfolg. Auch Noisetrade bietet Musik nach partizipativem Preismechanismus. Aber was, wie viel und warum zahlen wir angeblich gierigen Geizhälse denn für Dinge, die wir doch prinzipiell umsonst haben könnten?

Den Audio-Player mit dem NETZ.REPORTER findet ihr unten. 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung.

Kostenloskultur reloaded

„Im Internet wollen alle alles für lau!“ klagen Musikproduzenten und Medienunternehmer. Nicht ganz. Schließlich wird zwischen kaufen und kostenlos mit Alternativen experimentiert.

Pay-what you-want wird immer beliebter. Ob und was man zahlt kann hier jeder selbst entscheiden. Im analogen Leben wird das von alternativ aufgestellten Gaststätten recht erfolgreich praktiziert. Wohl nicht zuletzt dank sozialer Kontrolle. Wer möchte an der Kasse vom Koch schon gerne für einen Knauser gehalten werden? 

Funktioniert das auch im Internet, wo einen kein Musiker böse anguckt, weil man für seine Songs bloß ein paar Cent abdrückt?

Offenbar ja. Musik, Bücher und Games werden per partizipativem Bezahlsystem umgesetzt. Radiohead haben damit experimentiert, das Humble Bundle hat es etabliert – ein Paket aus Indiegames, das seit 2010 regelmäßig geschnürt wird. Über 17 Millionen Dollar wurden so mittlerweile eingenommen. 

Aber warum bezahlen wir angeblich gierigen Geizhälse für Dinge, die wir für lau saugen könnten? Laut Psychologen alles eine Frage unseres Selbstbilds. Wir möchten eben gerne moralisch sein und andere angemessen entgelten. Ansonsten zahlen wir mit schlechtem Gewissen. 

Beim Humble Bundle zahlten die User im Schnitt sieben Dollar. Linux-User sind am spendabelsten. Die haben das Gegenseitigkeitsprinzip der Open-Source-Idee eben am stärksten verinnerlicht.

Zahl was du willst funktioniert nach dem Robin-Hood-Prinzip. Die großmütigen Indies auszubeuten, wäre wie Omis betrügen oder Greenpeace beklaun. Ziemlich beschämend. 

Deshalb dürfte das Prinzip für Majors wie Microsoft und Kollegen kaum funktionieren. Dem Sheriff von Nottingham leert man die Truhen doch garantiert mit gutem Gewissen.

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