Vom Kuriositätenkabinett zur Freakshow im Internet – Netzabgründe, in die selten geblickt wird. Stefan Mey über Voyeurismus im Internet. 

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden kleinwüchsige Menschen oder zweiköpfige Kühe auf Jahrmärkten zur Schau gestellt. Abgesehen von diversen Formaten der Privatsender gilt das öffentliche Begaffen von physischen und psychischen Auffälligkeiten heutzutage eher als unfein.

Digital Freaks

Doch die Faszination an der vermeintlichen Andersartigkeit ist selbstverständlich nicht ausgestorben. In unserer digitalen Gegenwart sind die Freakshows in die Abgründe des Internets ausgewandert.

 

Den Audio-Player mit dem NETZ.REPORTER findet ihr unten. 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung.

 

Im Unterleib des Internets 

Ekel ist eine eigenartige Empfindung. Als körpereigenes Abwehrsystem warnt er uns vor animalischen Virenschleudern, Giftspritzen oder ungesunden Substanzen.  

Über einen angemessenen Sicherheitsabstand entfaltet das Ekelhafte, Abstoßende und angeblich Anormale offenbar enorme Anziehungskraft: Die Freakshows wurden längst von öffentlichen Plätzen verbannt – um sich im Unterleib des Internets einzunisten.

Zahlreiche virale Schockvideos demonstrieren, auf welch kreativen Wegen Menschen libidinöse Erfüllung finden.

Aus dem Interesse für den Ekel der anderen, hat sich ein ganzes Youtube-Genre entwickelt.  In sogenannten Reaction-Videos filmen sich User beim Betrachten der viralen Schocker. Oder unterziehen Familienangehörige dem Reaktionstest.

Neun Millionen Zuschauer interessierten sich auf Youtube für die unfreiwillige Affektstudie der alten Dame. 

Das Blog oddee.com fasst seine Bizarrerien in knackige Bestenlisten. Dreieinhalb Millionen Besucher pro Monat ergötzen sich hier an den 10 schlimmsten Schönheitschirurgie-Unfällen, den 20 peinlichsten Paaren, oder den 12 absonderlichsten Tieren dieser Erde. 

Auch die 10 verrücktesten Fremdkörper, die jemals in einem Rektum gefunden wurden, dürfen selbstverständlich nicht fehlen. 

Das mag mancher geschmacklos und diffamierend finden. Für die Psychohygiene diverser Erwachsener und pubertätsverstörter Teenies sind die virtuellen Freakshows offenbar unverzichtbar: Die Seltsamkeit der Anderen ist schließlich bester Beweis – für die eigene, beruhigend banale Normaliät.

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