oder: Was machen eigentlich die Mainstream-Medien aus einer Debatte, die längst überfällig ist? 

Spätestens gestern haben es auch diejenigen mitbekommen, die sich die Tagesschau nur ansehen, weil sie kurz vor dem Tatort läuft: Deutschland hat ein Sexismus-Problem. Und rausgekommen ist das über Twitter. Unter dem Hashtag #aufschrei  begann @marthadear vergangenen Freitag ihren Aufruf, alltägliche Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung zu twittern. Seitdem ist die Liste ganz schön lang geworden. Und damit auch für den Mainstream interessant.

#aufschrei in echtzeit

#aufschrei in echtzeit

Zehntausende Tweets waren nötig, damit auch die Medienwelt versteht, was für so viele allgegenwärtig ist: Sexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, in der Schule, im Club, auf dem Weg nach Hause. Es folgten hochaktuelle Fernsehsendungen mit fragwürdigen Gästen, tausend verschiedene Zeitungsartikel in tausend verschiedenen Zeitungen und tausend verschiedene Menschen, die plötzlich eine Meinung hatten.

Vor ein paar Tagen stand #aufschrei noch wie ein Gruselkabinett aus unangenehmen Situationen da. In Kurzform hat die Flut aus erschreckenden Geschichten einen im Twitter-Feed einfach so umgewälzt. In 140 Zeichen wurde da zusammengefasst, was eigentlich alltäglich so passiert. Und gerade die unkommentierten, kurzen Situationsbeschreibungen gingen ordentlich rein in den Magen.

Dann wälzen das Thema die ganzen Großen, ein Jauch macht sich zum Kasper, und alle tun, als wär’s was neues.Plötzlich haben alle was dazu zu sagen. Und mischen sich in die Debatte ein. Hashtag: #aufschrei. Und der Feed sieht heute anders aus: Was sich heute dort liest, ist zum größten Teil Spott und unqualifiziertes Gerede von Menschen, die scheinbar gar nicht verstehen wollen, dass es sich hierbei nicht um eine “Wer-ist-jetzt-eigentlich-besser-Mann-oder-Frau?”-Debatte handelt. Was vergangenen Freitag noch seine Stärke war, ist heute Twitters Schwäche: Alle machen mit.

Nach einer halben Stunde Lesen habe ich Bauchweh, gehe in die Küche. Und als ich da so am Küchentisch sitze und diskutiere, was ein FDP-Politiker mit Twitter und Mainstream-Medien mit Diskussionsverlauf zu tun haben, verweise ich auf das zugehörige Blog. Und da fragt der Mitbewohner: “Findste das nicht ‘n bisschen übertrieben?”

#aufschrei