Dass der fehlende Zugang zu digitalen Medien Kindern aus sozial benachteiligten Bevölkerungsteilen das Lernen erschwert, ist auch in Deutschland ein großes Diskussionsthema. Um diesem Problem Abhilfe zu schaffen, warfen Forscher in Äthiopien Tablets mit Solarantrieb in Form von Care-Paketen ab. Die Frage, welche es zu beantworten galt: Wie erfindungsreich gehen Jugendliche ohne Betriebsanleitung mit den technischen Geräten um?

Ein Geschenk des Himmels?! Studien über den Umgang von Kindern mit digitalen Medien gibt es nicht nur in Äthiopien. (LAI Ryanne/flickr/CC BY 2.0)

Längst gibt es kaum noch Bildungskonzepte, die ganz ohne den Einsatz von digitalen Medien auskommen. Denn die Devise heißt: Der frühe Umgang mit technischen Geräten unterstützt das spielerische Lernen und bereitet den Nachwuchs auf neue Anforderungen im Berufsleben vor. Auch der Versuch von “One-Laptop-Per-Child” brachte überraschend positive Ergebnisse hervor, denn innerhalb kürzester Zeit eigneten sich die Jugendlichen komplexe Fähigkeiten im Umgang mit den unbekannten Geräten an.

Ob der Erfolg als Sieg über konventionelle Bildungssysteme gewertet werden kann, bleibt dennoch fraglich. Denn Zweifler mahnen bereits an, dass technische Fertigkeiten keine Schulbildung durch ausgebildete Pädagogen ersetzen können. Und auch andere Faktoren stellen einen allgemein gültigen Wert der Untersuchungsergebnisse in Frage.

Den Audioplayer mit dem NETZ.REPORTER findet Ihr unten. 

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung

Digitale Bildungsmaßnahmen mit Beigeschmack

 

Seit Jahren versucht die Organisation „One-Laptop-per-Child“ Kinder in strukturschwachen Regionen mit Bildung per Technik zu versorgen. Unlängst starten sie einen – nun ja – Modellversuch. In den äthiopischen Dörfern Wonchi und Wolonchete wurden solarbetriebene Tablets abgeworfen. Verpackt und ohne Anleitung. 

 

Um mal zu schauen, ob die analphabetischen und technikfernen Kinder dank Software lesen lernen. Mit dollen Resultaten: Innerhalb von vier Minuten waren die Tablets unboxed und der Powerknopf gefunden. Nach 5 Tagen nutzte jedes Kind täglich 47 Apps. Zwei Wochen später sangen die digitalen Schüler Abc-Liedchen. 

 

Und nach fünf Monaten hatten sie das Tablet gehackt. Indem sie die versehentlich deaktivierte Kamera zum Laufen brachten. Und den Desktop nach ihren Vorlieben konfigurierten – obwohl ein Programm das eigentlich verhindern sollte.

 

„Unglaublich, beeindruckend!“, jubelte Projektgründer Nicolas Negroponte und das Gros der Tech-Blogs und –Presse. Vereinzelte kritische Stimmen mutmaßten allerdings eine aufgemotzte PR-Legende. Schließlich liegt das angeblich völlig bildungsferne Wonchi gerade mal 24 km von einer Kleinstadt mit Grundschule und Universität entfernt. 

 

Einige erinnerte die joviale Verblüffung der Berichterstattung allzu sehr an Experimente zur Werkzeugkompetenz von Schimpansen: Erstaunlich, was die alles können. Sind die Gutmenschen von heute etwa verkappte Kolonialisten von Gestern?

 

Nicht unbedingt: Negroponte deutete die rapide technologische Aneignung als Beleg für kindliche Neugier, Kreativität und Entdeckergeist. Man wolle den Kindern keine Fakten einbimsen, sondern sie lehren wie man lernt. Klingt super, hat aber einen kleinen Haken.

 

Denn die Deutung passt prima in Negropontes Grundüberzeugung: Kinder lernen eigentlich besser ohne Lehrer. Schließlich werde ihnen ihre Neugier durch Erziehungsberechtigte allzu oft ausgetrieben. 

 

Aber ob die multimediale Sesamstraße den Bildungsnotstand der Entwicklungsländer im Alleingang lösen kann, darf durchaus bezweifelt werden. Kritiker fordern die Gelder für One-Laptop-per-Child lieber in Several-Good-Teachers-per-School zu investieren. Klingt ziemlich analog und irgendwie unsexy aber nicht unbedingt nach einer schlechten Idee. 

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