Bis heute (8. Juni) läuft die größte Volksabstimmung, die es jemals gab. Noch nie waren so viele Wahlberechtigte aufgerufen, sich zwischen zwei Verfassungen zu entscheiden. Über 900 Millionen Menschen, darunter 24 Millionen Deutsche, wählen seit Anfang Juni zwischen zwei Datenschutzrichtlinien beim größten sozialen Netzwerk der Welt. Besser gesagt: Sie hätten die Wahl – wenn sie denn darum wüssten. Denn Facebook tut alles, um das Voting nicht nur zur größten, sondern auch zur geheimsten Abstimmung aller Zeiten werden zu lassen.

Facebook
Gefällt mir? (GOIABA (Goiabarea) | flickr.com | CC BY 2.0)

Facebook hat es zurzeit nicht leicht. Seine Aktienwerte befinden sich weiterhin im Sinkflug. Auch die aktuelle Abstimmung über die eigenen Nutzungsbestimmungen verläuft nicht ohne Imageschaden. Neben Erläuterungen und Präzisierungen erteilt sich das Social Network in diesen auch das Recht, Daten für quasi unbestimmte Zeit zu speichern.

Versteckte Demokratie mit Barrieren

Wegen anhaltender Kritik und Proteste der Nutzer über die Neuerungen, musste Facebook die User über die Änderungen abstimmen lassen. Soviel Demokratie wagte bislang noch kein anderes Internetunternehmen. Ungemein progressiv, wären da nicht ein paar kleine Haken. Denn Facebook hat seinen demokratischen Anspruch enorm wörtlich genommen und auf die Eigeninitiative seiner Bürger gesetzt: Mindestens 30 Prozent der User, also rund 270 Millionen müssen sich an der Wahl beteiligen, allgemeine Wahlbenachrichtigungen gab es keine, die Wahlurnen wurden gut versteckt. Deshalb dürfte die bis zum 8. Juni laufende Abstimmung, als die geheimste Wahl aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen.

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Es war einmal ein gütiger König, der herrschte über ein gewaltiges Reich. 900 Millionen lebten hier glücklich und likten einander. Und der Name des Landes war: Facebook.

Doch es erhob sich ein Murren unter manchen Bürgern und Datenschützern. Er sauge sie aus, bis auf die Daten und informiere sie nicht über ihre Rechte.

Da wollte der König wiederum seine Verfassung ändern und versprach Unerhörtes: Die sogenannte Demokratie. Zukünftig solle über Nutzungsbedingungen und Datenverwendungsrichtlinien abgestimmt werden. Das habe ja etwa Google der Große nie für nötig erachtet.

Doch der weise König wusste. Zuviel Freiheit überfordert. Deshalb sollte das Volk nur zwischen den alten und den neuen Gesetzen wählen.

Diese neuen Gesetze enthielten auch eine Überraschung. Dort stand in kleinen Letter:„Wir werden Daten solange einbehalten, wie dies erforderlich ist, um sie den Nutzern und anderen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen.“ Diese wunderbar elastische Regel sollte ihm noch größere Freiheiten gewähren.

Vielleicht auch deshalb wurde es die geheimste Wahl aller Zeiten. Denn während er seine User treulich über jeden Katzenpost ihrer Freunde informierte, flatterte keine Wahlbenachrichtigung in ihren Email-Ordner.

Um die Findigkeit seines Volkes weiter zu erproben, versteckte er die Wahlurnen und sprach: Innerhalb von sieben Tagen müssen 30 Prozent, also 270 Millionen ihre Stimme abgeben. Sonst habe die Wahl nur beratende Funktion.

Und tatsächlich. Bis zum Dienstag den 5. Juno hatten erst 160.000 abgestimmt. Also etwa 0,02 Prozent. Zwar stimmten 80 Prozent der wählenden Bürger für die alten Regeln. Das musste den König aber nicht kümmern. Schließlich fehlten noch zweihundertneununsechzig Millionen achthundervierzigtausend Wähler bis zur Gültigkeit der Stimmen.

Die Wahl sei eine Farce, murrten Datenschützer und Journalisten. Das betrübte den König und er erklärte seine Wahlverfahren zu überdenken. Demnächst, in Zukunft.

Bis dahin würde er den Wünschen und Sorgen seiner Bürger weiterhin sein Ohr leihen. Denn ihr Vertrauen war ihm wichtig. Dann würde der gute König seine Entscheidung fällen. Salomonisch in seinem Sinne.

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