Vom Schultrojaner bis zu den fast unvermeidlichen Urheberrechtsverstößen durch Lehrerinnen und Lehrer – die deutschen Schulbuchverlage sind ein ständiger Quell des Ärgers. Wenige Verlage teilen den Markt unter sich auf und kassieren kräftig für ihre Monopolstellung. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick nach Osten: Polen investiert elf Millionen Euro für kostenlose digitale Schulbücher, die unter CC-Lizenz veröffentlicht werden sollen.

Schulbuch
An diese Namenslisten dürfte sich jeder erinnern, der in seinem Leben mal eine Schulbank gedrückt hat. (Last Hero | flickr | cc-by-sa 2.0)


Ende letzten Jahres sorgte der Schultrojaner für Ärger. Nach einer Vereinbarung zwischen Bundesländern und Schulbuchverlagen sollte die Durchsetzung von Urheberrechtsansprüchen auch durch Überwachungssoftware an Schulcomputern ermöglicht werden. Soweit der Status Quo in Deutschland.

Statt Schulbücher zu verwenden, für die man private Verlage bezahlt und eventuell sogar Überwachungstechnologie, könnte das Geld aber auch direkt in das Unterrichtsmaterial fließen und per Open Source allen frei zugänglich gemacht werden. Der Ärger ums Kopieren würde sich so erübrigen. Polen hat eine solche Open Source Initiative im April gestartet.

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Schule zählt neben der GEMA und der katholischen Kirche zu den reformresistenten Institutionen der Erde. Lehrer lehren, Schüler lernen. Ab und zu gibt’s Pause. Und Sport.

Außerdem stören Reformen meist. Aus Bildung wird dann Kompetenz und Wissen erstarrt zu einem  Kanon.

Insofern handelt es sich im Folgenden um eine kleines utopisches Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn man den Gedanken der Open Source auch auf die Schule anwendet.

Statt private, ökonomisch orientierte Schulbuchverlagen zu unterhalten, fließt das Geld direkt  in die Entwicklung frei verfügbarer Materialien. Für die niemand Kopierabgaben zahlen muss.

Wissensspeicher könnten entstehen. Sammlungen von Materialien, gepflegt von einer Community, betreut von Lehrern und Didaktikern.

Ansätze gibt es schon jetzt: beim Schulbuchwiki oder dem Projekt offene Schulbücher.

Statt Bücher zu schleppen, also einfach ein USB-Stick zum Lernen. Oder eine Bildungscloud. Frei zugänglich, mit eigenem Account und Aufgabenbereich.

Unsere Nachbarn, die Polen haben sich zu einem Schritt in diese Richtung entschieden.

11 Millionen Euro investiert die Regierung in die Stiftung Nowoczesna Polska, modernes Polen. Für offene Bildungsmaterialien für die Klassen 4 bis 6.

Hierzulande hat man stattdessen über Schultrojaner nachgedacht. Zur Erinnerung: Die Kultusministerkonferenz hat sich im Dezember 2010 dafür stark gemacht, die Wahrung Urheberrechte der Schulbuchverlage an den Schulen durchzusetzen und auch zu kontrollieren. Nur aufgrund öffentlichen Drucks ist der Einsatz von Spähsoftware, der sog. Schultrojaner noch verhindert worden.

Open Source dürfte daher in der Kulturministerkonferenz klingen wie eine terroristische Idee. Schließlich sagte 1997 kein geringer als Altbundeskanzler Helmut Kohl:

„Die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz. Im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.“

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