Die spinnen, die Waliser! In Monmouth hieß es sechs Monate lang: Crowdsourcing statt Cricket-Club. Jetzt ist das 9000-Einwohner-Städtchen die erste Wikipedia-City der Welt. Fast alle Gebäude wurden enzyklopädisch erfasst, kontextualisiert und mittels QR-Code verlinkt. Um horrenden Handyrechnungen vorzubeugen, gibt es kostenloses W-Lan. Die Ära des Smarthpone-Tourismus scheint eingeläutet – das Ende des menschlichen Fremdenführers?

Monmouth
Monmouth ist via QR-Codes mit der Wikipedia verlinkt. (Monmouthshirecc | flickr | cc-by-2.0)

420 Millionen Besucher monatlich, über 20 Millionen Artikel in rund 300 Sprachen: Wikipedia hat sich vom ehrgeizigen Projekt wissensaffiner User längst zum zentralen Knotenpunkt in Sachen Informationsbeschaffung entwickelt. Kaum überraschend, dass die alterwürdige Encyclopaedia Britannica vor einiger Zeit die Segel strich und zukünftig nur noch online aktiv wird.

Und die gewaltigste Enzyklopädie aller Zeiten hat soeben ihren Einflussbereich analog erweitert. Das walisische Städtchen Monmouth ist die erste Wikipedia-Stadt der Welt.

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Wikipedia ähnelt Regenschirmen, Büroklammern oder Brotaufstrich: es ist einfach unverzichtbar. Manch einer kann sich kaum mehr erinnern, wie er sich vor der größten Enzyklopädie aller Zeiten mit Informationen versorgte.

Und der crowdgesourcte Wissensschatz hat seinen Wirkungsbereich jetzt noch einmal erweitert: Die erste Wikipedia-City der Welt heißt Monmouth in Wales.

Historische Gebäude, Kulturdenkmäler und Museen des sehenswürdigen Städtchens wurden mit QR-Codes dekoriert. Insgesamt stolze 1000 Tafeln, Plaketten und Sticker wurden montiert.  Scannt man die mit dem Smartphone, wird der passende Artikel aufgerufen. Falls verfügbar in der Muttersprache des Handybesitzers. Quasi jedes Gebäude der 9000 Einwohner-Stadt wurde enzyklopädisch erfasst, kontextualisiert und verlinkt.

Beispielsweise die Monnow-Bridge. Ihres Zeichens die einzige in Großbritannien noch erhaltene befestigte Flussbrücke. Im Kings Head Hotel wiederum war Karl der Erste mal zu Besuch. Der Kopf dieses Königs sollte auch in der englischen Revolution eine zentrale Rolle spielen.

Sechs Monate wurde an Monmouthpedia gearbeitet. Die Einwohner verwandelten sich in ehrenamtliche Enzyklopäden. Sie wählten Inhalte aus, kramten historische Fotos vom Speicher und schrieben oder übersetzen Artikel. Recherchieren fürs Gemeinwohl, Crowdsourcing statt Cricket-Club: Um Orte, Personen, Flora und Fauna des Städtchens möglichst lückenlos zu erfassen. So wird man an Bäckereien etwa mit informativen Artikeln zur Historie des Backhandwerks verlinkt.

Damit Touristen ihren Wissensdurst nicht mit horrenden Handyrechnungen bezahlen müssen, installierte die Stadt ein kostenloses W-Lan Netz.

Aber Monmouth soll erst ein Anfang sein. Weitere Wikipedia-Städte sollen folgen. Die Ära des crowdgestützten Smarthpone-Tourismus ist offenbar endgültig eingeläutet.

Hauptberufliche Fremdenführer müssen deshalb nicht in Panik verfallen. Wikipedia weiß und kann eine Menge. Aber in historischen Klamotten, Touristen fantastische Anekdoten zu erzählen, wird sie in absehbarer Zeit wohl nicht. Auch Bustouren sind noch nicht in Planung.

Weitere Links und Informationen des NETZ.REPORTERS bei Facebook und Twitter.