Dank SZ, FAZ und Titanic ist er wieder in aller Munde: der Hoax, die virale Zeitungsente des Internets. Der Netzreporter widmet sich der Betrachtung einer ganz und gar nicht aussterbenden Spezies.

Hoax
Auf den Arm nehmen können wir uns alleine. (pmarkham | Flickr | CC BY-SA 2.0)

Der Hoax leitet sich im Englischen von Hokuspokus ab. Zu Recht. Denn der Hoax ist ein (schlechter) Scherz, eine Lügengeschichte, die im Netz virale Verbreitung findet. Das sagt nicht nur eine Menge über die Schwachstellen der Mediengesellschaft aus, soziale Medien und Nachrichtenaggregatoren stellen auch seriöse Journalisten vor alte Probleme im neuen Gewand: was zum Teufel ist die Wahrheit?

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Katzenbabys haben weiche Knochen. Deshalb kann man sie in quadratischen Behältern aufziehen. Am Ende erhält man formschöne Kätzchen.

Das war im Jahr 2000. Die Macher der Bonsaikitte ernteten damals Wut und Empörung. Etliche E-Mails riefen zum Protest auf. Am Ende ermittelte das FBI.

Natürlich war die Geschichte erfunden. Das Ganze war ein Hoax. Ein Scherz. Eine Lügengeschichte von Studenten des MIT. Nur die Website gibt es noch heute. Mit wirklich herzzerreißenden Katzenfotos.

Der Fall aus der Frühzeit des Netzes zeigt: Beim Hoax übertönt das Unerhörte den Zweifel.

Der Hoax will Aufmerksamkeit um jeden Preis. Und nutzt auch Ängste oder Mitleid. So kursiert wahrscheinlich noch heute ein uralter E-Mail-Kettenbrief mit der Bitte um eine Knochenmarkspende. Und unter muslimischen Jugendlichen verbreitete sich die urbane Legende von einem Mädchen, das zu laut Musik hörte, während die Mutter im Koran las. Zur Strafe erhielt sie ein Rattengesicht. Als Beleg diente das Bild einer Plastik, mit der eine australische Künstlerin gegen Genmanipulation protestierte.

Das Ganze ist natürlich kein digitales Phänomen. Die Geschichte der Medien ist voll von Erfindungen wie der berühmtesten Zeitungsente, dem Ungeheuer von Loch Ness.

Der Hoax nistet sich immer bevorzugt dort ein, wo Geschichten wichtiger sind als Tatsachen. Er trifft damit den weichen Kern der Mediengesellschaft: die große Bereitschaft, andere zu erschüttern und selbst erschüttert zu werden.

Netzspezifisch sind am Hoax allein seine enorme Verbreitungsgeschwindigkeit und die Vermehrung der Nachrichtenquellen. Das stellt neue Anforderungen an Redaktionen. Nachrichten aus Syrien zu verifizieren ist ungleich komplizierter, als einfach nur Bonsaikätzchen zu entlarven.

In Zeiten von Twitter, kuratiertem Journalismus und Newsaggregatoren, von Facebooklinks und Blogeinträgen geraten Nachrichten deshalb ebenso schnell unter Verdacht wie sie verbreitet werden.

Denn wer sagt mir eigentlich, dass diese Eurokrise nichts anderes ist als ein gigantischer Hoax!

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