Im 21. Jahrhundert sind wir mobiler als je zuvor. Dank Auto, Bahn und Flugzeug ist Reisen heutzutage Alltag . Vor 2000 Jahren war es dagegen ein Abenteuer – und ein gewaltiger logistischer Aufwand. Ein Projekt der Uni Stanford macht das deutlich: Die interaktive Karte ORBIS ist das Google Maps des antiken Roms.

Antike Routenplaner
Wo geht’s hier nach Rom? (Laura | flickr | CC BY-NC-SA 2.0)

Digital Humanities nennt sich eine recht junge Disziplin, die altehrwürdige Geisteswissenschaften mit modernen Technologien kombiniert. Die interdisziplinäre Symbiose von Lingustik, Literatur- und Geschichtswissenschaften mit Informatik hat sich an den Universitäten bereits als Lehrfach etabliert. In der öffentlichen Wahrnehmung blieb sie bislang eher unterrepräsentiert.

Ein schönes Beispiel für das Potential der Kreuzung von IT und Geisteswissenschaft liefert jetzt die Stanfort University. Historikprofessor Walter Scheidel und Digital-Humanities-Spezialist Elijah Meek haben zusammen mit Geographen und Web-Designern einen Routenplaner fürs römische Imperium entwickelt. Die interaktive Karte ORBIS soll die Reiserouten, Transportkosten und logistischen Herausforderungen des Imperiums zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung im Jahr 200 v. Chr. anschaulich machen. Im Netz stößt das Google Maps der Antike bereits auf reges Interesse.

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Unsere Navis und Routenplaner wissen immer, wo es lang geht. Auch aktuelle Staus, Behinderungen und Benzinkosten werden von Google Maps einkalkuliert.

Wer auch an den Verkehrswegen der Vergangenheit interessiert ist, findet im Netz nun einen Routenplaner Richtung Antike. ORBIS nennt sich das Projekt von Historikern, Geographen und Technikern der Stanford University. Hier lässt sich etwa errechnen wie lang man 200 vor Christus von Augusta Treverorum, dem guten alten Trier, nach Bonna am Rhein brauchte.

Historische Karten und zahllose Quellen etwa über Straßenverhältnisse, Wetterbedingungen und das Stundenmittel von Pferdestaffeln und Ochsenkarren sind in die interaktive Karte eingeflossen. Denn der Routenplaner fürs antike Rom ist kein Gimmick für kartenaffine Freizeithistoriker.

Es soll die Reisezeiten und Transportkosten im römischen Reich anschaulich machen. Statt statische Daten anzuhäufen wird Historie als komplexes System visualisiert. Angesichts der Wegstrecken, die ein Kilo Getreide von Konstantinopel nach Rom zurücklegen musste, begreift man die enorme Größe des Imperiums und seine logistischen Herausforderungen.

Wir erfahren: England war damals das Ende der Welt. Zumindest aus römischer Perspektive.

Von Roma nach swinging Londinium brauchte man im Winter eineinhalb Monate. In derselben Zeit schipperte man dreimal nach Alexandria. Denn Seewege und Flussreisen waren seinerzeit die Expressrouten des Transportwesens. Und echte Preisschlager noch dazu.

ORBIS stößt unter Lehrern, Studenten oder Doktoranten auf rege Resonanz. Manche ermitteln mit der Karte die Reisezeiten des unternehmungsfreudigen Apostel Paulus. Andere rekonstruieren die Ausbreitung von Informationen in der Antike.

Besonders wichtige Nachrichten wurden per Pferdestaffel zum Empfänger geschickt. Auf den Datenautobahnen der Antike rasten Informationen von Rom nach London in sagenhaften neun Tagen. Für damalige Verhältnisse Überschallgeschwindigkeit.

Der Routenplaner des römischen Imperium demonstriert: Die Größe einer Welt misst sich nicht in Kilometern, sondern in der Zeit, die man braucht um sie zu durchqueren. Im Vergleich zum alten Rom ist unsere globalisierte Gegenwart also ungefähr so gewaltig wie das beschauliche Belgien.

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