Im Netz hat die Fotografie einen unfassbaren Boom erlebt. Jeder kann immer und überall fotografieren. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Fotophile Müllmänner aus Hamburg setzen den hippen Instagram-Bildern die Trashcam entgegen: Die Mülltonne wird zur Kamera.

Trashcam
Müllmann Hans-Dieter Braatz macht ein Foto mit einer 1100 Liter Mülltonne. (flickr.com | Trashcam Project | CC BY-NC-SA 2.0)

Durch das Netz wird so vieles plötzlich einfach und schnell. Meistens ist das von Vorteil, doch in Ausnahmefällen nimmt es Dingen auch schlichtweg ihre Faszination, indem es sie vereinfacht und damit eben auch beschleunigt.

Ein paar dieser Ausnahmen sind Blaustich, Pola, Sepia. Ausgefallen fotografieren ist spätestens seit Instagram jedem Smartphone-Bbesitzer ohne größere Kenntnisse möglich und Bilder sind heute vieles – außer interessant.

Dem haben fotophile Müllmänner aus Hamburg in Zusammenarbeit mit einer dort ansässigen PR-Agentur nun ein außergewöhnliches Projekt entgegengesetzt.

 

Und hier das NETZ.SKRIPT zur Sendung:

Wahrscheinlich gibt es nichts so häufig wie Fotoblogs im Netz. Ein paar sind gut, einige okay, viele langweilig, und die allermeisten hat man vor allem schon tausend mal gesehen. Das digitale Zeitalter und damit Dienste wie Instagram befähigen jeden Smartphonebesitzer, zu all dem, was vor gar nicht so langer Zeit nur mit mit längerfristiger Beschäftigung, aufwendiger Entwicklung, viel Experimentierfreude und einem langen, langen Atem gelungen wäre. Digitalisierte analoge Fotografie. Oder muss es analogisierte Digitalfotografie heißen?

Wie auch immer – ein Projekt aus Hamburg macht das Fotografieren nun wieder ein wenig schwieriger. Dabei werden die Bilder nämlich nicht durch eine Plastikkamera oder ein Telefon geschossen, sondern durch ein etwas unkonventionelleres Medium. Dieses Medium nennt sich Trashcam und ist im Wesentlichen genau das, was der Name schon sagt: eine zur Pinhole-Kamera umfunktionierte Mülltonne. Eine Mülltonnenkamera. Trashcam eben.

Und damit auch alles zusammenpasst, werden die Bilder auch von denjenigen aufgenommen, die sich mit den großen Tonnen am besten auskennen – Müllmännern. Die begeben sich zusammen mit den Trashcams an ihre Lieblingsorte in Hamburg und schießen – dort angekommen – Fotos von all den Plätzen, an denen sie sich eben Tag für Tag bewegen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Und das tun sie auch. Die Stadtreiniger haben eigens für ihre Pinhole-Fotos einen Flickr-Account eingerichtet.

Das Ganze mag vielleicht nicht besonders spektakulär klingen. Doch bringen die Macher des Trashcam-Projects wieder ein wenig Downswing in die große Lomo-Soße im Netz. Das Projekt ist eine Art Entschleunigung der hippen Bilder, derer man doch sehr schnell überdrüssig wurde – sprang einem doch schnell auf fast jedem Blog, jeder Website, jedem Facebook-Profil eines dieser supercoolen, oberhippen Vintage-Pola-Lomi-Pics entgegen.

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