Über die Zukunft der Überwachung im digitalen Zeitalter im Allgemeinen und das europäische Überwachungsprojekt INDECT im Besonderen diskutierten im letzten Online Talk Sylvia Johnigk (FIfF), Nils Johanning (Innotec Data), Linus Neumann (Digitale Gesellschaft e.V) und Andreas Ruch (Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum).

Vor gar nicht langer Zeit sorgte der so genannte Bundestrojaner für mediale Aufregung bei Internetnutzerinnen und -nutzern und kurz zuvor stand Facebooks Timeline im Fokus einer Empörungswelle, die durch Medien und Bevölkerungsköpfe schwappte. Die Furcht vor dem digitalen Überwachungsstaat hat sich manifestiert – zumindest in den Köpfen. Man geht vermeintlich vorsichtig mit privaten Daten um, zeigt sich aufgeklärt. Neben Bundestrojaner und Co. existieren allerdings auch Projekte, die für weitaus weniger mediale Aufregung sorgen: zum Beispiel ein Projekt namens INDECT, das auf fünf Jahre angelegt ist und von der EU mit rund 15 Millionen Euro gefördert wird. Weitere Informationen und eine Timeline zur Sendung gibt’s wie immer unten. In der kommenden Woche debattieren hier übrgens Mirian Meckel, Sascha Lobo und Konrad Lischka über die Macht der Algorithmen.

Die Abkürzung INDECT steht für Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment und soll für Sicherheit im öffentlichen Raum sorgen – und zwar mithilfe von Algorithmen, die anhand von Analysen ,abnormer‘ Verhaltensweisen potentielle Straftäter erkennen und somit ein schnelles Eingreifen in eventuell riskante Situationen ermöglichen sollen.   Informationen aus Audio-, Video- und Textmaterial so miteinander kombiniert werden, dass ein Puzzle verschiedener Daten entsteht, das – richtig ausgewertet – zu einer schnellen und präventiven Form der Sicherheit führen soll. Dazu soll es unter anderem zum Einsatz autonomer Flugroboter kommen, die Material liefern, das mit Daten aus Telekommunikationsüberwachung und Überwachungskameras im öffentlichen Raum  zur Prävention von Straftaten beitragen soll. An der Entwicklung dieser Technik, die derartig unterschiedliche Datenerfassungsmethoden kombinieren soll, sind Universitäten ebenso beteiligt wie private Sicherheitsfirmen. Das Projekt befindet sich momentan auf Tauchstation, Informationen zu aktuellen Entwicklungen dringen nicht nach außen.

Fragen bleiben allerdings bestehen:
Wo liegen die Grenzen zwischen ,abnormen‘ und vermeintlich ungefährlichem Verhalten?
Ist Prävention auf derart technisierte Art und Weise überhaupt möglich? Kann hier von einer neutralen Herangehensweise der Wissenschaften ausgegangen werden? Wer soll diese ungeheuer riesigen Datenmengen überhaupt verarbeiten? Wer die Bilderflut sichten? Was passiert, wenn das System mal abstürzt, geknackt wird oder sich andere Fehler einschleichen? Kann ein solches Projekt nicht auch ziemlich viel Unsicherheit mit sich bringen, wo es doch für Sicherheit sorgen soll? Befinden wir uns im Schleudersitz in den totalen Überwachungsstaat kurz vor der Schönen Neuen Welt? Oder ist es schon schlimmer?

INDECT polarisiert: „Da werden Steuergelder für Geheimniskrämerei ausgegeben!“ sagen die einen. „Für die Sicherheit im öffentlichen Raum ist ein Projekt wie INDECT mehr als hilfreich!“ heißt es auf der andere Seite. Genau diese unterschiedlichen Positionen kamen im letzten Online Talk zur Sprache. Dort diskutierten Sylvia Johnigk von FIfF (Forum InformatkerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V.) und  Linus Neumann von der NGO Digitale Gesellschaft e.V. gemeinsam mit Andreas Ruch,wissenschaftlichem Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und Nils Johanning von der Sicherheitsfirma Innotec Data über die Zukunft der Überwachung im digitalen Zeitalter sowie den Sinn und Unsinn von Projekten wie INDECT und seinem nordamerikanischen Pendant FAST. Ein Streitgespräch im Netzreporter auf DRadio Wissen.

Timeline:

03:00 FAST und Co. als realistische Bedrohung? Entsteht der Eindruck eines bedrohlichen Überwachungsstaats vor allem durch die mediale Dämonisierung der beteiligten Firmen?

05:00: Was kann ein Projekt wie INDECT überhaupt verhindern?

09:00 Der ,Generalverdacht‘ im öffentlichen Raum

10:00 INDECT = mit Steuergeldern finanzierte Geheimniskrämerei?

12:00 grundlegende technische Fragestellungen

15:00 ,Offene Schnittstellen‘ und ein lernendes System als Utopie

18:00 Intelligente Technik als Ersatz für menschliches Verantwortungsbewusstsein?

21:00 Ist INDECT Prävention oder Aufklärung im Nachhinein?

23:00 ,Wer gewalttätig ist, wird sich nicht von Kameras abhalten lassen!‘

27:00 Zusammenspiel von freier Forschung und kommerziell orientierten Unternehmen

28:00 Der Geisteswissenschaftler als moralisches Controlling und die Rolle des beteiligten Ethikrats

33:00 Bedrohung der individuellen Komponente und gesellschaftliche Auswirkungen des Projekts

35:00 ,Missbrauch‘ als Totschlagargument

39:00 Muss das System Daten speichern um zu lernen?

43:45 Weshalb wird ein Verdächtiger eigentlich verhaftet? Inwiefern ist die Gesellschaft da beweispflichtig?

44:00 Technik oder Mensch? Wer verhindert letztendlich die Gefahr?

49:00 Ist technische Prävention denkbar und ist der Mensch, der am Ende entscheidet, überhaupt unbefangen genug, um freie Entscheidungen zu treffen?

52:30 Die Diskrepanz zwischen der INDECT-Werbung und dem, was das System tatsächlich kann: Potentielle Täter werden das System umgehen!