Die zweite Begegnung. Im Haus der Bundespressekonferenz. Aus dem Fenster des Büros sah man die Spree, den Berliner Reichstag, im Hintergrund Tiergarten und Hauptbahnhof. Das Büro gehörte Robin Meyer-Lucht. In diesem Büro gab es neben etlichen Zetteln, Büchern und zahllosen Kabeln, die Rechner und Drucker verknüpften, ein Atmosphärengemisch aus Neugier, Unruhe, heiterer Impulsivität und großer intellektueller Vitalität und Rastlosigkeit. Jeder gesprochene Satz bot mindestens drei Anküpfungspunkte für Fragen, Thesen, Verweise auf Konferenzen oder andere Autoren. Wie sich bald zeigen sollte, war es nicht die Atmosphäre des Büros, sondern die Ausstrahlung eines der wichtigsten Köpfe der deutschsprachigen Netzwelt.

Wir hatten ihn als Kommentator für das DRadio Wissen Format NETZ.REPORTER gewonnen. Es ging um eines seiner wichtigsten Themen. Identität und Urheberrecht. Finanzierungskonzepte für journalistische und kulturelle Netzangebote. Der Netzkommentar auf DRadio Wissen ist ein kompaktes Format, keine drei Minuten lang. Die Kunst der Kürze als Herausforderung. Dementsprechend fing seine Mail, mit der er das Skript übersandte mit einem “…mein lieber Scholli. 2000 Zeichen ist ja echt kurz…” an. Natürlich hatte er es spielend leicht geschafft, in dieser Kürze glasklar, meinungsstark und fundiert zu sein. Denn das war es, was ihn ausmachte. Robin Meyer-Lucht ist nicht in die Gefälligkeitsfallen im Netz getappt. Er war eher das, was man in Abwandlung von Musils Romantitel den Mann mit Eigenschaften nennen konnte. Eine der hervorstechendsten war sein dialektisches Vermögen. Er war kein Meinungsverkäufer, sondern einer, der auch gegen die eigene Meinung denken konnte, der verschiedenste Meinungen denken konnte. Das war auch die Stärke seine Debattenportals Carta.info. Breite, Differenziertheit.

Die erste Begegnung fand zwei Wochen vorher statt. Im Berliner Funkhaus des Deutschlandradio. Kulturkampf um die Kohle war der Titel eines Online Talks zum Themenkomplex Paid Content, Kulturflatrate, Flattr und Co. Sein Auftritt war wie so viele. Neugierig, forschend. Treibend und manchmal getrieben. Die Debatte war dementsprechend lebhaft. Vor allem aber war sie glaubwürdig.

Wir hatten das Glück, ihn noch einige weitere Male gewinnen zu können. Als das amerikanische Debattenblog Huffington Post an AOL verkauft wurde, kursierten im Netz schnell hämische Kommentare. Robin Meyer-Lucht kommentierte auf DRadio Wissen. Und stellte sich dem Meinungsmainstream entgegen. Für ihn war die Kombination von AOL und Huffington Post prototypisch für ein neues Verlagskonzept im 21. Jahrhundert. Die Erfahrung mit Carta hatte ihn zum Realisten gemacht. Ohne ihm seine Unabhängigkeit als Verleger zu nehmen. Ein neues journalistisches Format wie die Huffington Post oder eben Carta in Deutschland braucht starke Partner – diese Erkenntnis manifestierte sich spätestens im Sommer 2011. Carta legte eine Pause ein. Auf unbestimmte Zeit. Kein Medienhaus, keine Stiftung und kein Sponsor hatte die Chance erkannt, die Carta darstellte. Und die Notwendigkeit. Aus heutiger Sicht ist das um so erschütternder, da ein Charakter verloren gegangen ist, der bereit war, ein derartiges Projekt über Jahre engagiert voranzutreiben. Ohne den finanziellen Gewinn als Leitmotiv zu verfolgen.

Was am Ende, bleibt sind Worte. Die gesprochenen und geschriebenen des Verstorbenen, die Zitate und die Nachrufe der anderen. Bei deren Abfassung beschleicht die Autoren immer das Gefühl der Ungenauigkeit. Aber wie soll man einem Menschen auch gerecht werden? Zumal, wenn man ihn nur aus beruflichen Kontexten und kurzen Begegnungen kannte. Vielleicht jedoch können die angesprochenen Zitate mehr erzählen, als all die weitschweifenden Erinnerungen. Deshalb am Schluss eines, dass der Berliner Blogger Jens Best kurz nach Bekanntwerden des Todes von Robin Meyer-Lucht über Twitter verschickte. Es sagt viel über Robin Meyer-Luchts Grundhaltung. “Wer im Internet surft, hat immer eine Frage.”

Einer wird leider keine Fragen mehr stellen – einer der wichtigsten Fragesteller im deutschsprachigen Netz. Viel zu jung, mit gerade mal 38 Jahren haben wir ihn verloren. Robin Meyer-Lucht, der Mann mit Eigenschaften, der wie Musils Roman ein Unvollendeter bleiben wird.

Markus Heidmeier

Foto: Von re:publica auf Flickr unter CC

P.S.: Hier noch der angesprochene Netzkommentar: