Der Netzkommentar kommt in dieser Woche von Mario Sixtus, dem Macher des Elektrischen Reporters. Er beschäftigt sich mit dem prognostizierten Niedergang von Flickr, den der amerikanische Fotograf Thomas Hawk unlängt prophezeit hatte (er hat übrigens selbst über 60.000 Bilder auf Flickr). Hier gibt’s das Crossposting von DRadio Wissen. Unten das Skript. Audio kommt direkt nach der Erstausstrahlung.

Wie der Netzkonzern Yahoo Internetdienste wie Flickr systematisch ruiniert

Das Internet lebt von Ideen, die junge Start-Ups in der digitalen Welt etablieren. In vielen Fällen werden diese Ideen dann von den großen Netzkonzernen aufgekauft, um weiter professionalisiert und im Glücksfalls profitabel gemacht zu werden. Aber es gibt auch die Gegenstartegie. Den systematischen Ruin vielversprechender Dienste. Der seit Jahren wankende Onlineriese Yahoo ist das beste Beispiel. Dienste wie Delicious oder Flickr stehen dank Yahoo mittlerweile vor dem Abgrund. Wie eine Art Todesstern irrlichtert der vermeintliche Netzgigant Yahoo durch das Internet und hinterlässt eine Spur der Ideen- und Kapitalvernichtung. Das jedenfalls meint Mario Sixtus, unter anderem Macher des Elektrischen Reporters, in seinem Netzkommentar. Aber es gibt auch Hoffnung.

 

Skript:

Im Internet ist eine Art Todesstern unterwegs. Er saugt einen coolen
Web-Service nach dem anderen in sich auf und verwandelt sie alle in
etwas Uncooles und Langweiliges. Die Rede ist von Yahoo.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, hätten es irgendwann
das ganze Web in etwas transformiert, das ungefähr so aufregend ist
wie das Katasteramt von Reutlingen, so erfrischend wie ein fußwarmer
Kamilletee.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, das Internet würde nach
Resopalmöbeln riechen, nach beigefarbenen Kunststoffoberhemden und
nach abgestandener Milch. Yahoo ist die Web-gewordene Provinz, das Bad
Segeberg unter den Internet-Konzernen, eine Art König Midas der Ödnis,
der alles was er berührt in pure Langeweile verwandelt.

Ließe man Yahoo nur lange genug weiter machen, das Internet würde
irgendwann niemanden mehr interessieren, und wahrscheinlich würde es
tagelang gar nicht auffallen, wenn man es abschaltete.

Nehmen wir nur mal den Foto-Dienst Flickr. Flickr war einmal der Ort,
an dem Menschen zusammen kamen um sich ihre Fotos zu zeigen. Der
Netz-Journalist Doc Searls bescheinigte Flickr im Januar 2005, die
Welt der Fotografie stärker verändert zu haben, als Kodak mit der
Erfindung des Rollfilms. Flickr vibrierte damals vor Lebendigkeit, es
herrschte eine Goldgräberstimmung, bei der es nicht um Gold oder Geld
ging sondern um schöne Bilder. Doch das Unheil lies nicht lange auf
sich warten: Im März 2005 kaufte Yahoo das damals quietschlebendige
Start-Up und machte sich borgdrohnenartig daran, es zu assimilieren.
Flickr wurde zu einem Teil der Yahoo-Tristesse und versank in tiefen
Schlummer.

Sechs Jahre später haben Smartphones und mobile Fotodienste im Web die
Welt der Fotografie einmal mehr revolutioniert. Plattformen wie
Instagram oder Twitpic haben diese Welle früh genug kommen sehen und
surfen sie jetzt genüsslich. Selbst das erst halbfertige Google plus
bietet hübsche, zeitgemäße Fotogalerien, während Flickr im Großen und
Ganzen immer noch so aussieht, als sei Gerhard Schröder noch Kanzler,
der Internet-Explorer 6 der neueste Browser und HTML5 noch weit weg in
der Zukunft.

Manchmal, wenn ich aus Nostalgie auf Flickr unterwegs bin, ertappe ich
mich dabei, auf digitale Tumbleweeds zu warten, die zwischen den Fotos
hindurchwehen.

Ähnlich wie Flickr ging es dem Bookmark-Dienst Deliicious und etlichen
anderen einstmals vielversprechenden Start-Ups: Sie alle wurden von
Yahoo assimiliert, domestiziert, kastriert und zu einem Stück
Eintönigkeit transformiert.

Doch es gibt Hoffnung: Dem Todesstern Yahoo geht es nämlich gar nicht
gut. Börsenkurs, Umsätze und Reichweite geben seit Jahren hilflos der
Schwerkraft nach. Erst vorgestern feuerte der Yahoo-Aufsichtsrat die
Chefin Carol Bartz, was wohl auch nicht mehr viel nützen wird.

Gut möglich, dass Yahoo bald ganz aus dem Web verschwindet. Und genau
so gut ist möglich, dass wir das tagelang gar nicht merken werden.