Google und Motorola: Neben dem laufenden Patentkrieg geht es vor allem um 18.000 Arbeitsplätze.

Zu Beginn der Woche war es die Breaking-News in der Digitalszene. Google kauft Motorola Mobility. Sofort ging es reflexartig um die Frage, wie das Smartphone der Zukunft aussehen würde, wenn der Netz- und Softwareriese Google den Handyhersteller Motorola schluckt. Die Debatte um die Zukunft der Softwareökosysteme stand im Vordergrund.

Nach kurzer Besinnung war dann aber klar, dass es nicht nur um Marktanteile in der Zukunft geht, sondern vor allem um Abwehrkämpfe in der Gegenwart. Die laufenden Patentkriege geben darüber umfangreich Auskunft. Überraschend aber ist die Tatsache, dass kaum jemand die kollidierenden Unternehmenskulturen und die Konsequenzen für die 18.000 Motorolamitarbeiter anspricht. Das jedenfalls meint Thomas Knüwer, Blogger, Netzexperte und Chefredakteur der WIRED Deutschland im wöchentlichen Netzkommentar.

Crosspost von DRadioWissen. Dort am 19. 08. 2011 erschienen.

Skript gibt’s unten. Audio hier als MP3.


Selten hatte eine Firmenübernahme einen traurigeren Hintergrund, als der Kauf des Motorola-Mobile-Geschäfts durch Google.

Hier geht es nicht, wie selbst viele Analysten behaupten, darum, dass Google künftig Handys produzieren will. Nein, hier investiert ein Konzern 12,5 Milliarden Dollar, um sich vor Anwälten zu schützen.

Denn Google ist Teil eines Kriegs um Patente. In der Vergangenheit wurden in den USA häufig Patente für Techniken, Designs und Software erteilt, die so wage gehalten sind, dass sie in Europa nie patentiert worden wären. Folge ist, dass ein Handy nach Expertenschätzungen 250.000 Patente berührt.

Von Apple bis Microsoft – die Riesen der IT-Branche haben sich in einen Patent-Klage-Wahn gesteigert. Weshalb sie nun jede Firma kaufen, die über solche Rechte verfügt – bei Motorola sind es 17.000 vorhandene plus 7.500 beantragte, aber noch nicht genehmigte, Patente. Sie allein, glauben Experten, rechtfertigen die Kaufsumme.

Nur: Motorola besteht nicht nur aus Patenten – sondern auch aus Mitarbeitern. 18.000 Mitarbeitern um genau zu sein. Und mit denen wird Google nun etwas anfangen müssen.

Es klingt einfach: Nun baut Motorola halt Handys mit Googles Betriebssystem Android. Und Google stimmt Android auf Motorola-Handys ab.

Nur: So einfach ist das nicht. Android soll ja gerade ein System sein, das für alle Hersteller offen ist, die es nutzen wollen. Wird Motorola bevorzugt behandelt, werden sich andere Produzenten womöglich der Konkurrenz zuwenden. Vor allem Microsoft dürfte da mit offenen Armen bereit stehen.

Gleichzeitig kollidieren da zwei Unternehmenskulturen. Die beiden Firmen tatsächlich zu vereinigen würde mutmaßlich scheitern, so wie einst bei AOL und Time Warner.

Nur in einem Feld dürfte es geschäftlich dann doch spannend werden. Googles Versuch im Digital-Fernsehen ist krachend gescheitert. Zu Motorolas Mobile-Geschäft gehören aber auch Settop-Boxen. Und die könnten Google TV einen neuen Schub verleihen.

Doch letztlich geht es darum nicht. Letztlich demonstriert die Übernahme nur, wie krank das US-Wirtschaftssystem wirklich ist. Denn hier geht es nicht um Geschäftsfelder und Zukunftsvisionen. Der Kauf des Mobilgeschäftes von Motorola soll Google allein wappnen gegen Prozesse und Schadenersatzforderungen.