Unser Netzkommentar der Woche. Thema: Der große Massenhack. These: Aktivismus wandert immer mehr ins Internet – und das lässt Politik wie Institutionen aus der Wirtschaft erzittern. Autor in dieser Woche ist Ben Schwan. Netzjournalist u.a. für taz.de, heise.de u.v.a.

Der letzte Akt ist gerade ein paar Tage alt. Tausende Passwörter aus einem militärisch sensiblen Bereich wurden entführt. Anonymous spottet. Die Verantwortlichen sind empört. Aber wie sind sie nun zu sehen. Die Hacker vom Kollektiv Anonymous? Onlinehooligans? Digitale Guerilla oder tatsächlich die politischen Aktivisten des 21. Jahrhunderts? Hier schon einmal vorab das Crosspost und das Skript des Stücks, das morgen früh auf DRadioWissen läuft. Das MP3 kommt dann nach der Erstausstrahlung. Ist angekommen.

Es hackt gerade gewaltig im Internet. Gruppen wie Anonymous, Lulzsec oder die NN-Crew sind weltweit in den Schlagzeilen, knacken Server bekannter Institutionen der Wirtschaft, machen Computer von Behörden auf, überwinden Firewalls und Sicherheitsvorkehrungen. Sie veröffentlichen geheime Daten und führen politisch motivierte Online-Demonstrationen durch.

Für die politische Klasse und die betroffenen Firmen hat diese Form des digitalen Aktivismus eine neue Qualität, die Angst macht. Die Hacker wiederum trauen sich mittlerweile Dinge, die vor einigen Jahren noch unvorstellbar waren. Das tun sie auch, weil bei der Sicherheit fast überall geschlampt wird, wie sich nun zeigt. Technische Hürden lassen sich viel leichter überwinden, als bislang angenommen.

Alles begann in diesem Jahr mit dem Hackangriff auf Sony im Frühjahr, bei dem fast 80 Millionen Kundendatensätze entwendet wurden. Die Attacke war eine Reaktion auf das Vorgehen des japanischen Konzerns gegen Bastler, die die Playstation-Konsole geknackt hatten. Die Aktion kostete Sony viele Millionen.

Dann kam Lulzsec, eine lose zusammengesetzte Gruppierung, die 50 Tage lang eine Website nach der anderen knackte. Dem US-Sender NPR jubelte Lulzsec gefälschte Meldungen unter, das FBI wurde gehackt. Porno-Websites entführte die Truppe Nutzernamen und veröffentlichte sie im Web. Anarchie im Netz, alles für die Lulz, also den Spaß, wie die Hacker sagen. Parallel nahm sich die bereits bekannte Aktivistengruppe Anonymous Regierungsserver vor und knackte die Rechner von Sicherheitsberatern. In Deutschland sorgte zuletzt die Gruppe NN-Crew für Wirbel, als sie in Server der Bundespolizei eindrang und Daten von Überwachungsmaßnahmen veröffentlichte.

Was die Aktionen vor allem zeigen, ist die Tatsache, dass sich das Netz mittlerweile zu wehren versteht. Das Verlangen der Politik, das Internet mit Maßnahmen wie der Vorratsdatenspeicherung zum Polizeistaat umzufunktionieren, trifft auf Widerstand. Allerdings dürften die gleichen Politiker solche Vorfälle nun dazu nutzen, die gesetzgeberische Schraube anzuziehen.

Vielleicht wäre es deswegen angebracht, ein Internet-Demonstrationsrecht einzuführen. So unverantwortlich manche der Aktionen auf den ersten Blick auch wirken: Wir erleben gerade die Geburtswehen einer digitalen Demokratie