Wir sollten uns jetzt auf eine Zukunft vorbereiten, die sowieso unvermeidlich ist, meint Michael Seemann, alias mspr0, in seinem Netzkommentar.

Hier der Crosspost des Netzkommentars bei den NETZ.REPORTERN auf DRadio Wissen.

Der Aufschrei war laut und deutlich. Datenschützer wehrten sich in dieser Woche empört gegen Facebooks vollautomatische Gesichtserkennung. Das neue Feature des sozialen Netzwerks sichtet automatisch alle Bilder, die auf Facebook hochgeladen werden. Ein neuer Algorithmus erkennt dabei die Bilder von Facebookfreunden und schlägt diese automatisch dem persönlichen Netzwerk vor. Für den Blogger Michael Seemann, im Netz als mspr0 aktiv, mit den Themenschwerpunkten Kontrollverlust und Postprivacy, ist das neue Facebook-Feature nur einer von vielen Vorboten auf eine Zukunft, die sowieso unvermeidlich ist. Das jedenfalls meint er als Gastautor in unserem Netzkommentar.

Hier das MP3. Das Skript gibt’s unten.

Facebook hat am Mittwoch sein lange angekündigstes Gesichtserkennungsfeature freigeschaltet. Wenn man also Fotos hochlädt, schlägt der Algorithmus automatisch Leute aus der eigenen Freundesliste vor, sofern er diejenigen zu erkennen glaubt. Viele nutzen das Feature bereits bei Apples Fotosoftware iPhoto oder Googles Bilderdienst Piscasa.

Aber nun fühlen sich alle überrumpelt, weil Facebook die Funktion standartmäßig für alle Nutzer freigeschaltet hat. Auf ihren Facebook-Walls schimpfen sie auf Facebook, Politiker und Datenschützer schäumen und die Medien geben Anleitungen, wie man das Feature wieder abschaltet.

Doch das geht nicht. Der Algorithmus wird auch weiterhin über jedes hochgeladene Bild laufen und versuchen, Gesichter zu erkennen. Nur die automatische Vorschlagsfunktion für die Freunde kann man deaktivieren.

Automatisierte biometrische Gesichtserkennung steht schon mit einem Bein in der Wirklichkeit und hebt das andere gerade in unsere Richtung. Bald wird sie allgegenwärtig sein und um einiges besser funktionieren. Sie wird in Videoüberwachungssystemen, Handykameras und in den Crawlern von Suchmaschinen eingebaut werden und alle Fotos im Internet mit Identitäten verküpfen. Sie wird uns jederzeit zur Verfügung stehen und das wird die Gesellschaft verändern.

Wenn ich heute über die Straße gehe, werde ich von meinen Bekannten erkannt und vom Bäcker nebenan. Morgen weiß jeder, der es wissen will, wer der Typ mit der Brötchentüte ist. Facebook wagt einen kleinen Schritt in diese Richtung. Statt uns von Datenschützern und profilierungssüchtigen Politikern verunsichern zu lassen, sollten wir die Chance nutzen, uns mit den neuen Möglichkeiten vertraut zu machen. Sie werden für die Zukunft noch sehr wichtig werden.