Die Diskussion ist dabei wichtiger als das Ergebnis. Ein Netzkommentar von Tim Pritlove, unter anderem Macher des Podcasts Chaos Radio Express.

Jimmy Wales ist der Gründer von Wikipedia (Manuel Archain, Buenos Aires | Wikimedia | cc-by)

Die Petition in eigener Sache sorgte für Überraschung. Seit einigen Tagen können Internetnutzer auf den Seiten der Wikipedia eine Petition unterstützen, die sich dafür ausspricht, die Wikipedia in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Auch digitale Kultur sei schützenswerte Kultur, eine realisierte Utopie habe es verdient Kulturerbe zu werden, aber auch skeptische Stellungnahmen waren zu hören. Die Aufnahme in das Weltkulturerbe sei wesentlich weniger wichtig, als die nachhaltige Pflege und der anhaltende Betrieb der Wikipedia. Tim Pritlove, unter anderem langjähriger Macher des Podcasts Chaos Radio Express und Mitglied des CCC ist vor allem eines wichtig: die Diskussion. Denn die Frage, wie wir mit digitalen Gütern umgehen werden, wird uns dauerhaft beschäftigen, meint er in unserem Netzkommentar der Woche.

Das Audio als MP3 gibt es hier, das Skript unten.


Auf Initiative ihres deutschen Ablegers tritt die Wikipedia zu ihrem zehnjährigen Geburtstag mit der Forderung an die Öffentlichkeit, ihr Projekt von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.
Die Argumentation scheint schlüssig: nicht länger sollten nur Schlösser, Brücken und andere physikalische Stätten als Erbe der Menschheit angesehen werden, auch die aktuellen kulturellen Leistungen der Menschheit sollten hier anerkannt und dem Schutz der UNESCO unterstellt werden.
Schutzbedarf gibt es: die Wikipedia ist nicht ohne Feinde auf diesem Planeten. Forsche Politiker und religiös erregte Führer sind schnell dabei, wenn es um die Sperrung freier Meinungsäußerung und Wissenssammlungen geht und auch die Wikipedia wurde nicht nur einmal entsprechenden Abschaltungen ausgesetzt.
Es ist fraglich, ob die alteingesessenen Strukturen der UNESCO schon willens und in der Lage sind, neuartige Kooperationsformen, die sich in diesem Fall gerade mal seit zehn Jahren bewähren, schon als Kulturerbe aufzunehmen.
Die eigentliche Frage, die hier eröffnet wird ist aber die, ob unsere schnelllebige Zeit auch ein anderes Geschichts- und Kulturverständnis entwickeln muss. Tatsächlich hat die UNESCO bereits neue Programme aufgelegt, wie das Weltdokumentenerbe für alte Schriften und das Erbe der Immateriellen Güter die unter anderem dem Flamenco ein Dach bietet.
Doch so richtig passt die Wikipedia in keine der Kategorien und so ist vielleicht die nun angestossene Diskussion noch interessanter als das Ergebnis. Die Regeln müssten hier entweder neu interpretiert oder vielleicht ganz neu aufgestellt werden.
Es scheint noch zu früh zu sein für die Erkenntnis, dass das Internet zunehmend zum Weltkulturerbe beiträgt. Aber diese Erkenntnis wird sich früher oder später ohnehin einstellen.

 

Foto: Jimmy Wales ist der Gründer von Wikipedia (Manuel Archain, Buenos Aires | Wikimedia | cc-by)